Berliner Perlen

Die Dschungelkönigin

Zwischen Beton und Trostlosigkeit herrscht Sabine Zelle an der Dresdner Straße über ein wildes Blumenreich. In ihrem Kreuzberger Geschäft "Artdoor" führt sie Pflanzen, die nicht jeder bietet

Manchmal ist es nur ein Satz, der ein ganzes Leben verändert. "Du müsstest eher mit Pflanzen arbeiten statt im Büro zu sitzen", kann so ein Gedanke sein. Als Sabine Zelle, durchaus erfolgreiche Bürokauffrau, dies hörte, hantierte sie wie so oft auf einer Scholle in der ökologischen Kleingartensiedlung Mariendorf herum. Dass die Parzellennachbarin ihre Fertigkeiten bewunderte, wusste sie bereits. Trotzdem lösten die leicht dahingesagten Worte etwas aus, das schnell eine eigene Dynamik entwickelte und als kleine Oase an der Dresdner Straße endete.

Seit bald acht Jahren blüht und grünt es nun in unzähligen Töpfen auf dem Bürgersteig, knospen blaue Glockenblumen, treiben Stockrosen rote Kelche, fächelt cremefarbener Geißbart sanft im Luftzug. Auf Holzbänken und Regalen stehen Thymian, Süßkraut und Kerbel. Lavendel verströmt seinen herben Duft, die braunroten Blüten der Schokoladenblume geben eine sanfte Kakaonote dazu. "Artdoor" hat Sabine Zelle ihr Geschäft für Floristik, Grüngestaltung und Dekorationsideen genannt. Der Name steht auf zwei Dielenbretter aus einer ihrer ersten Berliner Wohnungen, einem besetzten Haus in Kreuzberg. Sie bilden das Firmenschild über dem Ladenfenster.

Praktisch autodidaktisch

Darunter wuchert die arrangierte Wildnis. "Es gibt keine Wertigkeit bei Pflanzen", sagt die 53-Jährige. "Da wächst alles bunt durcheinander." Vielleicht kann gerade die gebürtige Hamburgerin das so sagen, weil sie das Gärtnern nicht gelernt hat. Nicht formal wenigstens. "In den ersten Jahren habe ich mich selbst gewundert, dass ich praktisch alle Fragen der Kunden beantworten konnte. Ich wusste das einfach. Irgendwann haben mir dann Freunde gesagt, das sei doch klar, so viel wie ich immer schon zu dem Thema gelesen und an Erfahrung gesammelt habe."

Was jeden Morgen in Zinkschalen und Blumenständern, Keramikpötten und Kübeln vor den Laden getragen wird, ersteht Sabine Zelle alle zwei bis drei Tage im Großmarkt. So wechselt das Angebot immer. In den ersten Jahren kaufte sie fast nur, was ihr selbst gefiel. Wiederentdeckte alte Sorten oder spezielle Züchtungen gängiger Blüten sind darunter. Statt Tomatenstauden der Sorte Harzfeuer etwa, die es auch im Supermarkt gibt, findet man bei ihr Andenhörnchen.

Die Gartenkräuter stechen ebenfalls aus dem üblichen Sortiment heraus. "Ich muss nicht das anbieten, was man an jeder Ecke bekommt", sagt Sabine Zelle. Trotzdem bringt sie inzwischen auch Fuchsien oder Nelken aus dem Großhandel mit: "Mittlerweile habe ich zwei Mitarbeiterinnen. Damit übernehme ich Verantwortung. Da muss ich auch das anbieten, was einfach gut geht."

Wenn Sabine Zelle zu Kunden fährt, um Innenhöfe, Terrassen und Balkone zu begrünen oder im Garten zu beraten, dann kann sie viel von ihrem eigenen Stil einbringen. "Reine Auftragsarbeiten mache ich kaum. Meist entwerfe ich mit dem Kunden zusammen", sagt sie. Oft überlässt sie einen Teil der Gestaltung der Natur selbst: Pflanzkübel werden dichter als üblich mit Setzlingen und Samen bestückt. "Was sich durchsetzt, bleibt."

Ein Markenzeichen Zelles ist Zink: Ob alte Badewannen, moderne Schmucktöpfe oder die klassische Gärtnergießkanne: Das Material hat es ihr angetan.

Im Kreuzberger Laden füllen Zinkgefäße in allen Größen und Formen, neu wie alt, ein ganzes Regal. Aber auch Töpfe aus Keramik findet man bei "Artdoor", dazu Vasen aus Porzellan und Glas. Manches erinnert an Blumenfenster, anderes ist längst wieder hochmodern. Zubehör wie Blumenhaken oder Pflanzenständer, Rankhilfen und Laternen, sogar ein Second-Hand-Regencape für die Gartenarbeit findet sich in dem scheinbaren Durcheinander auf 120 Quadratmetern.

Auch die neuen Dekorationselemente dazwischen sind keine Dutzendware, beispielsweise jene Emaille-Zwerge mit aufklappbaren Mützen, unter denen sich auf originelle Weise kleine Dinge verbergen lassen. Nicht wenige der Stücke in Sabine Zelles Laden stammen von Flohmärkten oder unterschiedlichen Trödlern.

Verkauft wird aber fast alles, auch das, was auf den ersten Blick als ganz normales Inventar ihres Ladens wirkt. Mehrere Jugendstillampen hängen unter der Decke, dazwischen schwingt ein Vogelbauer. In einer Ecke steht ein schmiedeeisernes, schnörkelig verziertes Zaunelement. Sabine Zelle zieht einen gusseisernen Blumenkasten aus den 20er-Jahren hervor. "So etwas ist ganz selten", sagt sie. "Üblicherweise wurden damals derartige Kästen zu Kanonenkugeln eingeschmolzen."

Ungewöhnlich schrill

Einmal im Jahr, im November, verwandelt sich der hinterste Raum des Ladens in einen Weihnachtsbasar, der mittlerweile über Kreuzbergs Grenzen hinaus einen guten Ruf genießt. Die Botanik dient dann vor allem als Kulisse, vor der es glitzert, schimmert, funkelt und glänzt. Alles findet hier Platz, was ungewöhnlich, schrill, in mancher Leute Augen auch einfach nur kitschig ist. Daneben gibt es allerdings auch im Winter Topfpflanzen und Schnittblumen.

Das Binden der Sträuße überlässt Sabine Zelle immer ihren Mitarbeiterinnen. "Ich habe Floristik nicht gelernt", sagt sie und zuckt mit den Achseln. Es bereitet ihr kein Problem, dies zuzugeben. Und wenn sie ausnahmsweise mal den Namen einer Blume nicht kennt, redet sie nicht lange herum. Stattdessen gibt sie ihren Kunden dann eine Bitte mit: "Wenn Sie im Internet geschaut und den Namen gefunden haben, sagen Sie ihn mir. Dann weiß ich es beim nächsten Mal auch."

Artdoor Dresdner Straße 17, Kreuzberg, Tel. 61 65 81 38, www.artdoor.de, geöffnet von Montag bis Sonnabend von 8 bis 18 Uhr