Berliner Perlen

Mord im Urlaub

Ferienzeit ist Lesezeit. Zur beliebtesten Lektüre zählen da stets die Kriminalromane. Bestseller, unsterbliche Klassiker und Geheimtipps gibt es in der Spezialbuchhandlung "Totsicher"

Ein Nachmittag an der schmalen Winsstraße in Prenzlauer Berg. In Nummer 16 befindet sich ein Bücherladen. Man blickt hinein in das Schaufenster, will sich schon abwenden, stutzt aber über das dort ausliegende "Revolverblatt", eine Krimizeitschrift offenbar. Dann fällt der Name des Ladens auf. "Totsicher". Schön makaber. Von den Holzdielen bis zur Decke der gemütlichen großen Verkaufsräume wohnt dort das Grauen. Sprache gewordenes Entsetzen. Mord und Verbrechen. Täter und Spezialisten der Kriminalistik. Hercule Poirot, George Smiley, Kurt Wallander, Sherlock Holmes.

Herrscherinnen über das Reich des Bösen sind Grit Burkhardt und Antje Gardelegen. Erstere bevorzugt den härteren, actionreichen, geradlinigen, schnörkellosen Krimi. Alles auf den Punkt gebracht. Kurze Sätze, schnelle Texte, drehbuchartig. Fürs eigene Kopfkino. Verfilmungen dagegen meidet sie. Don Winslow gehört zu ihren Favoriten und Adrian McKinty, dessen Roman "Ein letzter Job" Grit Burkhardt gerade begeistert liest.

Sozialkritische Studien

Die schlanke, blonde Antje Gardelegen dagegen mag das Schnelle und Schnoddrige nicht. Ebenso wenig die Initialzündung zum inneren Film. Zu actiongeladen, zu hart, zu blutig. Die 38-Jährige zieht sozialkritische Studien in spannender Verpackung vor, so etwa die Romane von Bernhard Jaumann "Die Stunde des Schakals" und "Steinland". Beide sind angesiedelt in Namibia, der zweiten Heimat des deutschen Autors.

Inhaberin Grit Burkhardt und Angestellte Antje Gardelegen teilen sich das umfangreiche Lesepensum. "Es ist wichtig für unser Geschäft, immer auf dem Laufenden zu sein", sagt Grit Burkhardt. Das Repertoire in ihren Regalen ist der Zielgruppe im Kiez angepasst, den Verheirateten ab 30 Jahren mit Kindern. "Viele studieren die Bestsellerlisten, vertrauen aber eher unserem Geschmack", sagt die 40-Jährige. Besonders schätzt sie deutsche und skandinavische Literatur. "Wie keine anderen Krimis zuvor sind die skandinavischen mit der Lebensweise ihrer Hauptfigur verquickt", erklärt sie die Faszination. Henning Mankell etwa zeige Brüche in den Biografien seiner Protagonisten. Mit Antihelden könne sich der Leser eben besser identifizieren.

Den Fans von Stieg Larsson empfiehlt Grit Burkhardt die Jussi Adler-Olsen-Romane. Wegen verblüffender Parallelen zu den Thrillern des verstorbenen Bestseller-Autors der Millenium-Triologie. Überhaupt seien es schwedische Autoren, die den Krimi salonfähig gemacht haben. Vorreiter des Imagewandels vor gut 40 Jahren sei das schwedische Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö gewesen. Mit sozialkritischen Krimis, unverblümt und scheinbar direkt aus dem Alltag geholt. Als Urlaubslektüre aber empfiehlt Grit Burkhardt in diesem Sommer Martin Suters Roman "Allmen und die Libellen". Und ebenfalls leichte Kost von Jörg Juretzka und Jörg Maurer. Krimis mit Humor.

Das Geschäft eröffneten Grit Burkhardt und Antje Gardelegen im Jahr 2004. Die Erfahrungen der gelernten Buchhändlerin Burkhardt zahlten sich dabei ebenso aus wie der Rat eines Mitarbeiters vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Allgemeinsortimente seien völlig aussichtslos. In der Spezialisierung liege die Chance. Grit Burhardts Krimi-Faible erleichterte die Entscheidung für das geeignete Genre.

So wurde "Totsicher" mit seinen 70 Quadratmetern voller Regale ein beliebter Treffpunkt. Flache Tische bieten Neuexemplare an. Hörbücher stapeln sich rechts des Eingangs. Und das Regal geradeaus ist im Geschäft die Kindernische. In einer Vitrine gibt es "Mord in Dosen": ein Krimi-Puzzle, zudem Notizbücher und ein praktisches Lesekissen mit installierter Bücherklemme.

Der Antiquariatsraum ist mit einer bequemen Couch und Sesseln zum Probelesen ausgestattet. Alle 14 Tage wird daraus ein Literatur-Salon. Zuhörer aus der ganzen Stadt kommen zu den Lesungen von Schriftstellern und Schauspielern. Autoren wie Jacques Berndorf und Elisabeth Herrmann haben dort ihre Bücher vorgestellt, Schauspieler Martin Heesch und Elisabeth Richter Kubbutat lasen. "Ein Roman lebt, wenn man den Autor persönlich kennen gelernt hat", sagt Grit Burkhardt. Autoren und Leser in ihren Räumen zusammen zu bringen ist ihr wichtig. Hauptsaison ist der Herbst. Im Sommer gibt es zum Vortrag Bowle und Buffet.

Keine Angst vor E-Books

Das Konzept des Krimi-Duos ist aufgegangen. Selbst die zunehmende Popularität von E-Books, des immerwährenden Buchhändlerschrecks, kann ihren Erfolg nicht schmälern: Offenbar ist gegen Kompetenz und persönliche Beratung selbst modernste Technik machtlos.

Die Kenntnis des Geschmacks der Klientel habe sie in jahrelanger Arbeit gesammelt, so Grit Burkhardt. Denn der Kiez hat seine eigene Bestsellerliste, ein Abbild seiner Alters- und Sozialstruktur. Und seiner Tabus. Kinder im Krimi seien ein besonders sensibles Thema, sagt Antje Gardelegen. Grit Burkhardt ergänzt: "Ich empfehle kein Buch, das mir nicht auch selbst gefällt." Das merken auch die Kunden, sagt sie. "So hebt man sich ab von den großen Handelsketten."

Totsicher Winsstraße 16, Tel. 84 85 45 09, Mo.-Fr. 9.30-20 Uhr, Sbd. 10-16 Uhr