Ich bin ein Berliner

"Wir fahren, um zu leben"

Mehr als drei Millionen Menschen wohnen in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Werner Sudhoff, Fahrlehrer

Er ist eine Spaßbremse, aber das merkt man seiner Schülerin gerade nicht an. Auf einem verlassenen Parkplatz im Neuköllner Stadtteil Britz umkurvt Maike zwei Pylone im rasanten Tempo und trägt ein Schumi-Grinsen im Gesicht. "Nicht dass wir im Busch landen", mahnt Werner Sudhoff und ist jederzeit darauf gefasst, ins Lenkrad zu greifen. Doch auf die 17-Jährige ist Verlass, der Fahrlehrer kann sie guten Gewissens in die Prüfung schicken. Er lotst sie zurück in den Straßenverkehr auf der Parchimer Allee. "Jetzt Gas, Gas, Gas, richtig Power! Sonst schiebt uns der Lkw an", sagt Sudhoff, während er im Beifahrersitz die Blicke seiner Schülerin kontrolliert. Ein ganzes Kabinett an Spiegeln leistet dabei Unterstützung. Denn bei allem Vertrauen: Ein Moment der Unachtsamkeit kann er sich nicht erlauben. "Es ist immer gefährlich", sagt Sudhoff.

Die große Kunst seines Berufs ist die richtige Dosierung. Einerseits muss er ermutigen und die Angst vor den vielen PS nehmen. Andererseits muss er zügeln und seine Kundschaft vor Selbstüberschätzung schützen. Eines aber hätten seine Schüler in jedem Fall gemein: die komplette Ahnungslosigkeit. "Die wissen ganz genau, dass sie nichts können. Die wissen nicht, wie Straße geht", sagt Sudhoff. Die meisten hätten nicht einmal ein Fahrrad, mit Rechts-vor-links könne kaum jemand etwas anfangen. Der Sprung in den mehrspurigen Berliner Verkehr sei ohnehin gewaltig, und die Autofahrer der Hauptstadt seien nicht gerade geduldig im Umgang mit seinen Anfängern. Fahrlehrer Werner Sudhoff sagt: "Ich liebe den Stress, ich liebe es, die Kohlen aus dem Feuer holen. Das ist wie 'Tatort' live." Bei all den Regeln - von Anschnallpflicht und Schulterblick bis Tempolimit - hat er vor allem eines im Sinn: "Ich will vermitteln, worum es eigentlich geht: ums Fahren!"

Sein Unternehmen hat er "Umweltfahrschule" getauft. Nicht weil er vom Öko-Idealismus beseelt ist. "Da läuft einfach einiges schief", sagt er. Trotz aller Beteuerungen der Industrie sinke der Verbrauch der meisten Modelle kaum, die Reparatur von Verschleißteilen werde immer teurer.

"Da kann man sich das Autofahren bald gar nicht mehr leisten", sagt er. Deshalb lehre er sparsames und schonendes Fahren. "So schnell wie möglich hochschalten bringt unheimlich viel, auch und gerade im Stadtverkehr", sagt Sudhoff. Die Nachfrage nach solchen Extra-Schulungen gehe allerdings sogar zurück. "Wir haben offenbar immer noch viel Geld, um es aus dem Fenster rauszuwerfen", sagt er.

Natürlich kommen ab und an auch die Querschläger zu ihm: Junge Männer mit einer interessanten Einstellung zur Straßenverkehrsordnung. "Die tauchen hier auf, legen 5000 Euro auf den Tisch und wollen den Lappen gleich mitnehmen", sagt Sudhoff. Denen könne er nur noch höflich die Tür zeigen. Einer seiner Zöglinge habe den Bogen vollends überspannt.

"Nachdem er bei der Prüfung durchgefallen war, hat er dem Prüfer den ausgestellten Führerschein aus der Hand gerissen und ist abgehauen", sagt er. Ein Dreivierteljahr habe es gedauert, bis sich die Kripo den Flüchtigen geschnappt habe. Oder diese eine Schülerin, die sich nach dem Durchfallen treudoof zum Prüfer wandte und fragte: "Kann ich noch Mal von vorne anfangen?" Sudhoff sagt: "Die hat den Prüfer behandelt wie ihren Papa. So viel Uneinsichtigkeit, die stand kurz vor dem Idiotentest."

Solche Anekdoten erzählt Sudhoff im Plauderton, mit dem richtigen Gespür für Timing und Pointen. Plaudern gehört zu seinem Job. Als professioneller Beifahrer muss er Stunde um Stunde die gleichen Geschichten erzählen, die immer gleichen Situationen erläutern. "Eine gewisse Wiederholung gibt's einfach. Ist doch klar. Und man nimmt dann halt bewährte Beispiele", sagt er. Ist das auf Dauer nicht langweilig? "Nein, immer taufrisch", sagt Sudhoff. Er tausche sich aus mit seinen Schülern, über Schule, Ausbildung und Beziehungen. "Man kriegt schon einiges zu hören, vielleicht nicht ganz so viel wie beim Friseur", sagt er. "Aber das ist Leben. Und wir fahren ja nicht nur. Wir fahren ja, um zu leben."