Bühnencheck

Klassische Ausraster

Teufelsgeiger stehen im Bühnennebel. Sie verdrehen ihre Gliedmaßen, rutschen über den Boden, werfen mit ihren Bogen.

"PaGAGnini. Das verrückte Streichquartett" klingt als Titel viel zu brav für diese herrlich verwegene Truppe. Die Spanier spielen im Frack auf Saiteninstrumenten, aber sie agieren ausgelassener als Popstars. Sie tanzen den Pachelbel und rocken den Sarasate. So rhythmusbetont sind Mozart & Co. selten zum Leben erweckt worden.

Die Show im Tipi setzt auf vollen Körpereinsatz. Man interpretiert bekannte klassische Musikstücke mit pointierten Gesten. Wenn Paganini wilde Sprünge und rasante Läufe vorschreibt, beschränken sich die Vier nicht auf ihre Instrumente, sondern springen wild und rasen über die Bühne. Der lockenmähnige Primarius mit dem zerfetzten Geigenbogen spielt den Stehgeiger. Der dicke Cellist gibt den bärbeißigen Flamenco-Helden mit klappernden Kastagnetten.

Das zweite Erfolgsgeheimnis neben ihrer Tanzlust ist die Genauigkeit, mit der sie Rituale aufs Korn nehmen und Typen charakterisieren: den selbstbewussten Virtuosen, das scheue Sensibelchen, den coolen Könner und den ewigen Grantler.

Fast ohne Worte spielen sie Musikerwitze und Liebesgeschichten. Neue Musik erklingt mit Glocke und Quietscheentchen. Mit Hilfe von Loops spielt ein Geiger ein ganzes Streichorchesterstück. Aus einem gepflegten Menuett wird eine jauchzende Bluegrass-Nummer. Dann spielt der Cellist Gitarre auf seinem Instrument und ein Geigenrücken wird, mit dem Besen bearbeitet, zum Schlagzeug. Unter dem Kinnhalter ist sogar eine Mundharmonika versteckt.

Beeindruckend, wie präzise sie bei all dem noch die Töne treffen. Schließlich sind die Bravourstücke von Paganini und Sarasate spieltechnisch alles andere als Leichtgewichte. Die drei Geiger und der Cellist sind klassisch ausgebildete Musiker. Ihr weiter musikalischer Horizont, ihr umwerfendes komödiantisches Talent und ihr alles überstrahlender Bewegungsdrang machen die Show durch und durch kurzweilig.

Tipi am Kanzleramt Große Querallee, Tiergarten, Tel. 39 06 65 50, bis zum 1. Juli, Di.-Sbd. 20 Uhr, So. 19 Uhr