Berliner Perlen

Klingelt da was?

Die Glocken und Schellen von Michael Metzler sind Instrumente und Andenken zugleich. Bei ihm kaufen Musiker, junge Eltern und Prominente wie Christoph Waltz oder Thomas Gottschalk

Ein feines Klingeln und Läuten empfängt Besucher schon im Durchgang zum Innenhof. Hauchzart, fast sphärisch schweben die Töne über das Pflaster, hängen zwischen den Mauern, die hier, an der Sophienstraße in Mitte, eher an eine Altstadtgasse denken lassen denn an Deutschlands Metropole.

Die Tür zu Michael Metzlers Laden steht weit offen, Glöckchen geleiten die wenigen Stufen hinab in den winzigen Verkaufsraum im Tiefparterre. Glocken in allen Formen und Klanghöhen füllen die schlichten Holzregale. An den Wänden drängen sich Windspiele, Gongs, Zimbeln und Trommeln aus der ganzen Welt. Nicht zu übersehen, dass dieser Laden von einem Kenner bestückt wird. Und von einem, für den es um mehr geht als Handelsware. "Meine Familie ist seit vier Generationen in der Gießerei tätig", sagt Metzler. Auch er stand früher am Hochofen, im Kombinat Gisag in Leipzig, wo unter anderem Panzergliedelemente für den sowjetischen T 34 gefertigt wurden.

Mit dem Ende der DDR nahm auch Metzlers Leben eine Wende. Und wer den schlanken Mittvierziger sieht, wie er mit seinen schmalen Händen leicht, aber präzise eine Bronzeglocke anschlägt, dem scheint dieses zweite Leben viel passender: Noch in Leipzig studierte er Musik, gibt heute als Perkussionist in Ensembles für alte Musik den Rhythmus vor. In der Berliner Staatsoper spielt er ebenso wie in Konzerthäusern rund um den Globus.

Feilen am Kammerton

Über die Musik kam der inzwischen zweifache Vater, den die Liebe nach Berlin geführt hat, aber auch wieder auf seinen ersten Beruf zurück. "Glocken", sagt Metzler, "sind immer auch Instrumente." Als vor 15 Jahren Musikerkollegen ein Glockenspiel suchten und die einzige europäische Fertigungsstätte in London ihnen zu teuer war, versuchten Metzler und sein Großvater es selbst. "Der Großvater war damals 85 Jahre alt. Er hat in einem Glocken- und Kunstgussbetrieb gelernt", erinnert sich Metzler. Zusammen mit der befreundeten Gießerfamilie Nemky aus der Slowakei fertigte er hinter deren Hühnerstall Bronzeglocken. Ein alter Skodamotor sorgte für das Gebläse.

Die erste Serie musste gleich wieder eingeschmolzen werden: "Endlos habe ich gerechnet, und dann haben wir gefeilt, um genau die Frequenz des Kammertons hinzukriegen", sagt Metzler. Sein geschultes Musikergehör und sein Ehrgeiz erlaubten keine tonalen Ungenauigkeiten. Inzwischen ist die Produktion der Familien Nemky & Metzler längst so perfekt, dass die handgefertigten Einzelstücke in alle Länder exportiert werden. Viele Bestellungen kommen von Musikerkollegen. Metzler: "Die treffe ich auf der ganzen Welt bei Konzerten wieder. Da kann ich nichts Minderwertiges verkaufen."

Dass die Glocken auch in Berlins Mitte angeboten würden, war zunächst aber gar nicht geplant. Erst als vor Metzlers Probenraum, wo er auch Schüler unterrichtete, Passanten regelmäßig seine Instrumente durch das Schaufenster bewunderten und bald erwerben wollten, funktionierte er den Arbeitsraum kurzerhand zum Geschäft um. Laufkundschaft gibt es seit seinem Umzug in den Hinterhof an der Sophienstraße 28 zwar weniger. Dass es neben wunderbar gestimmten Glocken und exotischen Klangwerkzeugen zu vielen der Instrumente auch eine Geschichte gibt, hat sich aber herumgesprochen. Wo in der Welt Metzler auch hinkommt: "Man kann sich immer etwas abschauen", sagt er und erzählt von dem einbeinigen Schmied in einer indonesischen Gießerei, der jeden seiner rund 40 Gongs am Klang erkennen konnte.

So manches Stück gibt es im Glockenladen, an dem Metzler auch persönlich hängt. Verkauft wird trotzdem alles. Selbst die von ihm eigens für sein Konzertexamen gebaute japanische Trommel mit mehr als einem Meter Durchmesser ist bereits an einen Instrumentensammler aus Tel Aviv vergeben. "Mir ist es lieber, die Instrumente werden noch gespielt. Vom Herumstehen werden sie nicht besser." Mit Glocken aus der eigenen Produktion versorgte er namhafte Orte in Berlin. So stammt das Modellglockenspiel für die Rekonstruktion des Parochialkirchturms aus seiner Gießerei.

Geschenk zur Taufe

Prominente wie Oscar-Gewinner Christoph Waltz und Thomas Gottschalk ließen und lassen bei ihm fertigen. Für Museumsshops entwarf er Glocken mit Berliner Bären darauf. Und eine Mutter, die gerade mit ihrem kleinen Sohn hereinkommt, bestellt eine der für Nemky & Metzler typischen, sehr modern wirkenden Glocken in schlichter Bienenkorbform für eine Taufe. Per Sandstrahlbeschriftung soll der Name des Täuflings darauf verewigt werden. Diese Glocken von Nemky & Metzler gibt es im Laden ab 17 Euro. Die Schiffsglocke kostet 250 Euro. Beschriftungen kosten zwei Euro je Zeichen.

Glockenladen Sophienstraße 28 (im Innenhof), Mitte, Tel. 0177 25 16 40 5, Mo.-Fr. meist 12-18 Uhr, abweichende Öffnungszeiten bitte über info@glockenladen.de erfragen