Kino

Ein ängstlicher Künstler, der mutig handelt

Ai Weiwei - Never Sorry: Nach dem Medienhype zeigt der Film den Menschen Ai Weiwei hinter dem Symbol

Backsteinmauer. Grüne Tür. Überwachungskamera: Es sind noch keine zehn Sekunden des Films vorbei und schon bekommt der Kinozuschauer die erste Kamera zu sehen. Die Kamera blickt auf die Backsteinmauer und die grüne Tür aus Metall. Hinter der Tür lebt der Künstler Ai Weiwei. An diesem sonnigen Tag in Peking im Jahre 2009 ist Ai noch kein Gefangener. Aber die Überwachungskamera deutet darauf hin, dass ein gnadenloses System langsam aber sicher seine Finger nach dem Künstler ausstreckt.

Ein Dokumentarfilm über Ai Weiwei. Ernsthaft: Wen interessiert das noch? Die Geschichte des chinesischen Künstlers, Aktivisten und Regimekritikers ist doch auserzählt. Unzählige Medien haben über sein Schicksal berichtet. Ai Weiwei ist ein Symbol seiner Zeit geworden: Meinungsfreiheitskämpfer der Generation Twitter. Chinas Nelson Mandela. Seine Verhaftung im vergangenen Frühjahr löste einen globalen Sturm der Empörung aus. Seine Freilassung nach 81 Tagen wurde weltweit bejubelt. Welche Aufgabe bleibt da noch für einen Dokumentarfilm?

Die Antwort klingt ein wenig pathetisch: "Ai Weiwei - Never Sorry" ist ein notwendiger und wichtiger Film, weil er hinter dem Symbol einen Menschen zeigt. Einen überdurchschnittlich mutigen Menschen, zugegeben. Aber dennoch: einen Menschen. Der zahlt für seinen Kampf einen hohen Preis: "Jede Nacht habe ich Angst. Angst, dass ich dich nie wiedersehen werde", sagt die Mutter in einer Szene im Film zum Sohn. Sie ist den Tränen nah.

Drei Jahre hat die amerikanische Regisseurin Alison Klayman den Künstler auf seinem Weg der zunehmenden Radikalisierung begleitet. Klaymans Film erzählt die Entwicklung des weltweiten Medienphänomens Ai Weiwei chronologisch: Er beginnt im Jahr 2008 mit Ais Beitrag für das Pekinger Olympiastadion und seiner anschließenden Distanzierung von der Staatspropaganda bei den Olympischen Spielen. Gleich danach springt die Regisseurin zum verheerenden Erdbeben in Sichuan, das wenige Monate früher geschah. Tausende Schulkinder sterben unter den Trümmern, die Behörden verschweigen die exakte Zahl. Ai sieht die Fernsehbilder aus der Erdbebenregion und beginnt zu handeln.

Was die Dokumentation über diesen modernen Michael Kohlhaas von den gängigen Zeitungsberichten unterscheidet, ist die Vielzahl der beobachteten Details. Diese summieren sich nach und nach zu einem Puzzle behördlichen Irrsinns. Und man beginnt die Wut des Künstlers angesichts des Schweigens und der ständigen Lügen zu verstehen.

Die Sichtbarkeit ist Ais größte Waffe und seine Lebensversicherung. Solange ihn die Menschen vor Augen haben, kann ihn das Regime nicht zum Schweigen bringen. "Weil ich ängstlich bin, muss ich mutiger handeln", verrät Ai der Regisseurin. "Wenn man nicht handelt, wird die Gefahr nur größer."

Im Abspann sieht man eine Aufnahme jüngeren Datums, in der Ai im Freien herumtanzt und dabei ein chinesisches Lied singt. Das weckt die Hoffnung, dass der Künstler trotz Maulkorb nicht aufgegeben hat. Eigentlich sollte man sich schon aus diesem Grund "Ai Weiwei - Never Sorry" anschauen: Um mit der Eintrittskarte abzustimmen und dem Künstler zu zeigen, dass wir ihn weiterhin brauchen.

Dokumentation: USA 2011, 91 Min., von Alison Klayman

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