Berliner Perlen

Richtig schön fehlerhaft

Mit dem Handy kann heutzutage jeder fotografieren. Polaroid-Kameras dagegen liefern Unikate. Jörn Freitag verkauft altmodische und moderne Apparate, die Fotos eine wertvolle Patina verleihen

Mark Zuckerberg hat es gesehen, hat es beobachtet, hat es verstanden: Wie das kleine Wunder die liebe Verwandtschaft zu Filmstars vergilbter 70er-Jahre-Thriller macht. Wie eine langweilige Wiese plötzlich nach Central Park aussieht. Wie mit einem Druck auf den Auslöser Sohn oder Tochter zu pastelligen Comicwesen werden. Mark Zuckerberg hat das Wunder für eine Milliarde Dollar gekauft. Jörn Freitag bietet es in Mitte für rund 100 Euro an: Sofortbildkameras und die passenden Filme.

Es geht um analoge Momente in einer digitalen Welt. Der Facebook-Chef zahlt den Irrsinnspreis für "Instagram", einen Fotodienst, der es seinen 30 Millionen Nutzern ermöglicht, mit dem Smartphone-App Bilder zu schießen, die aussehen wie Polaroids. Schön alt. "Vintage. Klassisch", nennt es Jörn Freitag, obwohl ihm Anglizismen ein Graus sind und er sich bei Ausrutschern eilig für den versehentlichen Gebrauch entschuldigt.

Der 33 Jahre alte Kaufmann aus der Nähe Hamburgs sitzt in einem schmalen Geschäft an der Brunnenstraße, das Passanten leicht übersehen könnten. Vor Jörn Freitags Ladentür ist ganz Berlin nämlich wieder ganz enorm damit beschäftigt, im Umbruch zu sein. Das Trottoir säumen grellbunte Internetcafés, verfallene Jahrhundertwende-Bauten, dazwischen Backshops, und auf Schritt und Tritt grießgrämige Arbeiter, die an den Absperrungen ihrer Baustellen lehnen und demonstrieren, was sie von den Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen halten.

Alle gut drauf

Insgesamt ein Anblick, dem eine kleine Verklärung recht gut bekäme. Polaroid-Bilder können so etwas. Die stets leicht unpräzisen Farben verleihen Räumen und Landschaften das Aussehen einer Spielzeugwelt. Durch die fehlende Schärfe verschwimmen auf Gesichtern der Portraitierten die Feinheiten. Mal Omas herzlicher Blick, mal Vaters bösartiges Mienenspiel. Polaroids wandeln das bis auf den letzten DNA-Strang definierbare Hier und Jetzt einfach um in etwas aus Huxleys "Schöne Neue Welt": Alle ein bisschen sediert. Aber gut drauf.

Jörn Freitag wuchs mit den fixen Fotos auf. "Wir waren eine Sofortbild-Familie", sagt er. "Tatort"-Kommissar Hansjörg Felmy schwärmte 1979 in Illustrierten mit Chefarzt-Lächeln und Tannenbaumkulisse von der "einfachsten Kamera der Welt". Da war die Erfindung des amerikanischen Physik-Tüftlers Edwin Herbert Land schon 31 Jahre alt. Das neueste Modell hieß "1000", war "Quadratisch, praktisch, gut", wie es in einer anderen Werbung damals hieß. Und im gerade aktuellen James Bond "Moonraker" feuerte Roger Moore aus Weltraumwaffen, die der weißen Box nicht unähnlich waren.

Heute bietet der Sofortbild Shop eine handvoll Kameras in kastenförmigen, funktionellen Regalen an. So also sah einst die Zukunft aus. Die Bildschärfe lässt sich nicht verändern. Höchstens der Lichteinfall. Mit einem centstückgroßen Schieber. Ein paar Millimeter nach links, ein paar Millimeter nach rechts. "Was vorne herauskommt", sagt Jörn Freitag, "hängt zu 50 Prozent von Lichteinstellung und Film ab, und zu 50 Prozent von den kleinen Elfen, die in der Kamera tätig sind."

Der jugendlich-sportliche Händler umschreibt so die immer andere Wirkung der Entwicklungsflüssigkeit, die nach Auslösen der Kamera über das nun belichtete Bild gepresst wird, sich ausbreitet und dem fotografierten Objekt ein paar Tröpfchen Fantasie, ja, Surrealismus hinzufügt. In einem von Technologie und Präzision bestimmten Alltag einfach mal ein kleines bisschen Zufall.

Für zehn Euro leihen sich Jörn Freitags Kunden die alten Stücke aus, um zu experimentieren. Oder seine Mitarbeiterin, die professionelle Fotografin Anika Neese führt sie für 36 Euro drei Stunden durch die Stadt. Fotosafari mit Lerneffekt.

Im Verkauf kosten die Geräte um 80 Euro. Teuer sind nur die Filme: 20 Euro für acht Bilder, die nach der Polaroid-Insolvenz 2008 durch Nachfolgefirma Impossible Project hergestellt werden. Günstiger sind Fuji-Kameras und -Filme. Jörn Freitag nimmt sie gern zu Abendessen unter Freunden mit, um am Ende jedem ein Bild als Souvenir zu vermachen. Den beschwipsten Polaroid-Look liefern die Japan-Apparate allerdings nicht.

Live im Kreißsaal

Und auf den kommt es ja gerade an. "Ein Polaroid lässt sich nicht mit Photoshop bearbeiten", sagt Freitag. "Es zeigt den Moment der Aufnahme. Und der bleibt." Das wünschen sich Eltern, die das erste Bild aus dem Kreißsaal mit der Polaroid schießen. Das wollen Hochzeitgäste, die sich bei Ankunft heimlich ablichten und das Gesamtwerk im Fotoband dem Brautpaar überreichen. Sehr "old school", wie Jörn Freitag nicht sagen würde.

Natürlich ist eine 89-Jährige seine Kundin, die von digital nichts wissen will, aber in jedem Sommer ihre Blumenkästen für die Nachwelt festhält. Überraschender sind eher die vielen Smartphone-Nutzer, die zu Freitag kommen. "Schülerinnen etwa, die Instagram auf dem iPhone haben, aber jetzt das Original ausprobieren wollen." So lasse sich vom kleinen Geschäft an der Brunnenstraße durchaus leben, sagt Jörn Freitag. Kein Wunder, bei einem Werbepartner wie Mark Zuckerberg.

Sofortbild Shop Berlin Brunnenstraße 195, Mitte, Tel. 939 553 42, Mo.-Fr. 12-20 Uhr, Sbd. 12-18 Uhr, sofortbild-shop.de