Berliner Perlen

Inspiration in großen Dosen

Im Kreuzberger Ladenatelier "rafinesse & tristesse" handeln zwei Freundinnen mit farbenfrohen Behältern für daheim, indem sie alte Oliven-, Schafskäse- und Peperonikanister recyceln

Petra und Karin sind Freundinnen. Während andere Freundinnen aber gern zusammensitzen und tratschen, sitzen Petra und Karin zusammen und basteln und tüfteln und, gewiss, tratschen auch ein bisschen. Beim Tratschen gibt es eigentlich immer ein Ergebnis. Egal wie hoch der Nutzen ist. Beim Basteln und Tüfteln ist das bekanntermaßen nicht immer der Fall. Und so kam es, dass die beiden erfinderischen Freundinnen von ihren Männern und ihrem international zusammen gewürfelten Freundeskreis die allseits verständlichen Spitznamen "rafinesse", für die erfolgreiche, und "tristesse" für die weniger erfolgreiche Bastlerin bekamen. Die Titulierung erfolgte natürlich immer im Wechsel. Die bislang erfolgreichste Tüftelei der beiden, aus recycelten Olivendosen hergestellte Haushaltsgegenstände, Kleinmöbel und Kinderküchen, verkaufen die beiden in ihrem Geschäft. Der Name:"rafinesse & tristesse" - das fehlende "f" in "rafinesse" ist "künstlerische Freiheit".

"Was für andere Leute Müll ist, nämlich alte Oliven- oder Fetadosen vom Großhandel, war für uns eine Inspiration", sagt Petra Schultz. Die 36-Jährige, die eigentlich Drehbuchautorin ist, sitzt in ihrem Atelier an der Kreuzberger Solmsstraße auf dem von ihr entwickelten "Tin Tuffet". Sie verbreitet, wie überhaupt das ganze Drumherum, gute Laune. Der "Tin Tuffet" ist ein von ihr und Freundin Karin Yilmaz-Egger designter Hocker aus eben jenen großen Kanistern, in denen Restaurants und Händler ihre Ware bekommen.

"Ich fand diese Dosen schon immer schön, um sie einfach wegzuwerfen", sagt Petra Schultz. Ihre Freundin Karin, eine Schweizerin, lebt heute wieder in ihrer Heimat. Sie ist die Berner Ausgabe von "rafinesse & tristesse". "Während ich Deutschland und den europäischen Raum bediene, kümmert sie sich nur um die Schweiz. Ihre Landsleute sind ganz verrückt nach den Dingen aus unserem Geschäft", sagt Petra Schultz.

Kinderküche zubereitet

Jene anderen Dinge sind zum Beispiel Magnettafeln, Schlüsselbretter, Lampen, Toilettenpapierhalter und Kinderküchen. Alles aus alten Dosen, entbeult und selbstverständlich gewaschen. Mit einer der zauberhaften Kinderküchen begann die blecherne Erfolgsgeschichte. "Die erste Küche war für die Tochter von Karin. Wir haben ewig gebraucht, bis wir sie so hatten, dass wir sie perfekt fanden und es wirklich keinerlei Verletzungsgefahr mehr gab", sagt Petra Schultz. Auch ihr zweijähriger Sohn Linus hat selbstverständlich so eine Küche, die den Namen "Splish Splash" trägt. "Linus hat außerdem den Kinderherd, der bei uns ,Frizzle Sizzle' heißt und einen kleinen Hocker und einiges mehr." Glückspilz Linus. Bei manchen Kindern reicht es auf dem Feld selbstgebauter Spielsachen höchstens zum selbstgebauten Dosentelefon, um in der Materie zu bleiben.

Spätestens, wenn man eine Kinderküche der beiden Unternehmerinnen gesehen hat, ahnt man, was dann kam: "Immer mehr Freunde fragten uns, ob wir ihnen nicht auch so etwas bauen könnten", sagt Petra Schultz. Auf einem privat organisierten Hoffest, bei dem sie ihre Küche zeigten, entdeckte ein Galerist aus Mitte die bunten Unikate. "Der war so begeistert, dass er uns bat, bei ihm in der Galerie auszustellen", erzählt Petra Schultz. Das war im Jahr 2007. Die Freundinnen beschlossen, dass sie für die Ausstellung zusätzlich noch etwas völlig Neues anbieten würden. So entstand der Hocker, der "Tin Tuffet". "Wir haben dann bei der Ausstellung alle Stücke verkauft", sagt die Designerin, die sich, weil der scheppernde Sitz schon mehrfach nachgemacht wurde, inzwischen das Design in Form und Materialen europaweit schützen ließ.

Gewalzt und umrahmt

Die "Tin Tuffets", die je nach Größe um 80 Euro kosten, werden inzwischen von einem kleinen Team von Menschen mit Behinderungen bei der USE, der Union Sozialer Einrichtungen hergestellt. Allein konnte Petra Schultz die Bestellungen nicht mehr schaffen. "Ich bin mehrere Monate jeden Tag in die Oranienstraße gefahren und habe dort das Team eingearbeitet." Unbedingt wollte sie vor Ort und gemeinsam mit einem sozialen Projekt arbeiten. "Nur so kann ich wirklich voll dahinter stehen", sagt Petra Schultz. In einer Schlosserei der USE werden die Dosen gewalzt und umrahmt.

Die Handgriffe, die es braucht, um ihre Haushaltsgegenstände herzustellen, hat sich Petra Schultz im Laufe der Jahre angeeignet. "Ich konnte sehr viel von alten Ladenbesitzern lernen, die ich hier in der Gegend besucht und ausgefragt habe", sagt Petra Schultz. "Einer hat mir stundenlang geholfen, die Elektrik für die Lampen zu perfektionieren, ein anderer hat mir das Polstern beigebracht und war glücklich, dass sich jemand für dieses alte Handwerk interessiert."

Derzeit tüftelt Petra Schultz an einem Nachtischlämpchen, bestehend aus einer kleinen Dose und verschiedenen Lampenschirmchen vom Flohmarkt. Danach gefragt, fängt sie sofort an, das Material hervorzukramen und zu plaudern: "Also, das habe ich mir hier so vorgestellt", sagt sie mit Begeisterung und ist kaum mehr zu bremsen. Und wenn das Lämpchen irgendwann fertig ist, wenn es leuchtet, werden die Freunde wohl mit dem freundlicheren der beiden Spitznamen jubeln: "rafinesse!"

rafinesse & tristesse Solmsstraße 20, Kreuzberg, geöffnet von Montag bis Sonnabend von 11 bis15 Uhr und nach Absprache unter Tel. 0176 23 15 79 58, www.rafinesse-tristesse.com