Bühnencheck

Neuköllner Leben an der Linie 8

Im Neuköllner Reuterkiez reiht sich ein Szene-Lokal ans andere und selbst Bio-Supermärkte sind keine Seltenheit mehr im einstigen Problembezirk.

Sogar in der abgelegenen Nogatstraße greift das Schreckgespenst der Gentrifizierung um sich. Mit spürbaren Folgen: Hartz-IV-Empfängerin Edith Schröder soll aus ihrer Wohnung raus. Der marode Altbau wird luxussaniert. Neu-Berliner wie die Gottschalks schauen sich dort schon mal nach einer stylischen Bleibe um. Doch die obdachlose Kiez-Queen Edith hat Glück im Unglück, denn U-Bahn-Fahrer Bernd bietet ihr ein leerstehendes Abfertigungshäuschen an der Linie 8 an.

Nach dem Bühnen-Hit "Made in Neukölln" legen Ades Zabel & Company nun mit dem Trendbezirksneuköllnical "Linie 8" nach. Der Erfolg dürfte sicher sein, wie die fulminante Premiere im BKA Theater zeigte. Noch ist der Abend zwar ein wenig zu lang, weil die Truppe so viele Ideen in die Show gequetscht hat, dass sich gleich drei Produktionen damit bestücken ließen. Doch das charmant-anarchische Spiel und die gewitzte Regie von Bernd Mottl machen kleine Schwächen allemal wett.

Das Ades Zabel und seiner Company anhaftende Attribut der Trash-Comedy kann man bei dieser Produktion, die mit rasanten Leinwand-Einspielern punktet, getrost ad acta legen. Natürlich lässt das Quintett auch diesmal keine grenzwertige Blödelei aus, beweist aber mit genauem kabarettistisch-komödiantischen Blick ein sicheres Gespür für politische und soziale Tendenzen. Außerdem zeigen die Jungs, dass Männer durchaus die hübscheren Frauen sein können. Allen voran Biggy van Blond, die expandierende Legginsboutique-Besitzerin, und Stefan Kuschner als Nachbarin Hatice in Nike-Burka. Selbst Ades Zabels Wuchtbrumme Edith holt das Beste aus ihrem Kik-Outfit raus. Nur Kneipenwirtin Jutta (Bob Schneider), die sich mit einer Bubble-Tea-Bar schon als Boom-Gewinnlerin sah, landet in der figurfeindlichen Esoterik-Falle. Ein gelungener Bühnenspaß.

BKA Theater Mehringdamm 34, Kreuzberg, Tel.2022007, 20.30 Uhr, nächste Termine: 01., 02., 09., 13.-16., 20., 22., 23., 27., 29., 30.6., Karten 14 bis 24 Euro, bis 1.9.