Zwölf Stunden

Arbeitsplatz mit Stallgeruch

Zu Wetten, Bratwurst und Damenhut-Wettbewerb trifft man sich an diesem Wochenende wieder auf Deutschlands größter Pferderennbahn in Hoppegarten. Ein Besuch bei den Vorbereitungen

05:35: Zehn Renntage gibt es im Jahr. Am kommenden Sonntag ab 14 Uhr etwa. Doch trainiert wird in Hoppegarten so gut wie immer. 3200 Meter lang ist die Übungsbahn, die Silvio Kalmutzki mit einer Egge umpflügt, um Hufspuren zu beseitigen und dem Untergrund wieder Tritt zu geben. "Montags bis mittwochs fahre ich linksherum, donnerstags bis sonntags rechtsherum." Kalmutzki muss sich beeilen, denn um sechs Uhr beginnt das erste Training. "Rund hundert Pferde nutzen täglich die Bahn. Und die Trainer gucken genau auf die Uhr."

07:05: Nach dem Rennen ist vor dem Rennen, oder anders gesagt: Nach der obligatorischen Bahnreparatur, für die nach den Rennen allein schon zwei bis drei Tage veranschlagt sind, müssen die weitläufigen Grünflächen für die nächsten Besucher hübsch gemacht werden. Marco Peters schiebt seinen Rasenmäher vom halbrunden Haupteingang zum sogenannten Führring hinüber, wo in vier Tagen die Pferde ihr Schaulaufen für Wettfreunde absolvieren. Er macht sich auf eine lange Schicht gefasst. "Kurz vor den Renntagen arbeiten hier alle länger als üblich, denn es gibt viel zu tun."

08:00: Rennbahnverwalter Arkadiusz Nowara lässt das Gewicht an seinem Penetrometer hinabsausen. Durch den Aufprall bohrt sich eine Metallspitze in den Rennbahnboden und misst so die Untergrundbeschaffenheit des Geläufs. Wie weich oder hart die Bahn ist hat nicht unerheblichen Einfluss auf die Gewinnchancen der Pferde, denn nicht jedes Tier läuft gleich gut auf jedem Untergrund. In der Woche vor dem Renntag werden täglich um acht Uhr neun festgelegte Punkte auf der Bahn gemessen und an das Rennsportdirektorium in Köln übermittelt. Arkadiusz Nowara glüht für den Rennsport. Trotz Wetten und Preisgeldern gehe es doch hauptsächlich um Ruhm und Ehre. "Ein außergewöhnlicher Sieg, ein sensationelles Rennen steht für alle Zeit in den Büchern und man spricht noch 100 Jahre später darüber."

09:20: Christine Erdmann und Marianne Trobisch gießen die Geranien auf der riesigen Haupttribüne. "Gerade haben wir die Bänke auf dem Heuboden gesaugt, die Ritzen waren voller Steine", sagt Marianne Trobisch. Ihr Vier-Damen-Team wird bei Großereignissen alarmiert. "Wir sind drei Tage vor und drei Tage nach jedem Renntag im Großeinsatz."

10:40: Seit einem Reitunfall sitzt Christian Zschache im Rollstuhl, doch der Pferdesport lässt ihn nicht los. Heute ist er Besitzertrainer, das heißt, er trainiert seine eigenen Pferde. Mit dem Auto fährt er jetzt die Trainingsstrecke ab und beobachtet per Fernglas die Reiterinnen Maria Kattanek und Helena Hryniewiecka mit den Pferden beim Training. Heute steht nur ein Spazierritt auf dem Programm.

11:30: In der Renntechnik sitzt Daniela Nowara vor den Anmeldelisten und erstellt den endgültigen Rennplan. Dienstags von acht bis zehn Uhr treffen die Vorstarterangaben ein, mittwochs die endgültigen Starterangaben inklusive der Benennung des Jockeys. "Die Nennungen machen die Trainer über ein Onlinesystem beim Dachverband in Köln und vom dortigen Direktorium kommen die Listen dann direkt zu uns", erklärt Nowara. Spätestens am Donnerstag um zwölf Uhr geht der Rennplan zurück nach Köln und von dort direkt in die Redaktion der "Sportwelt". In dem traditionsreichen Fachblatt können sich ab Freitag alle Rennsportfreunde über die Details der anstehenden Rennen informieren.

12:55: Was wäre ein Sportevent ohne Wimpel, Fahnen und Werbebanner? Im Führring baut Dennis Peters vier Werbebanden auf. Wenn er den Hammer einmal fallen lässt, gibt das nur einen stumpfen Ton. Denn was wie ein Steinboden aussieht ist ein Gummibelag, der die Gefahren für die Pferde minimieren soll. "Die meisten Pferde sind vor den Rennen schon sehr nervös und könnten hier leicht ausrutschen", sagt Peters.

13:25: In den Ställen riecht es nach frischem Heu und es ist kühl. So, wie es Pferde mögen. Nachdem desinfiziert und ausgemistet wurde, wird nun "eingestreut". Andreas Hecker richtet gerade einige der 240 Gastboxen her und legt sie je nach Wunsch der jeweiligen Mieter mit Stroh oder mit Spänen aus. Die meisten angemeldeten Tiere beziehen schon zwei Tage vor dem großen Tag ihr Rennbahnhotel. Die Besitzer müssen sich eine Unterkunft in der Umgebung suchen.

14:05: Exakt zehn Zentimeter hoch darf der Rasen auf der Rennbahn sein. Manuel Nestler kontrolliert das regelmäßig. "Jetzt, im Frühling, muss ich die Bahn alle zwei bis drei Tage mähen. Unter günstigen Bedingungen wächst das Gras täglich bis zu einem Zentimeter." Selbst mit dem vor einen Traktor gespannten Frontmäher dauert es vier Stunden bis die 2400 Meter lange Runde und die Extra-Gerade gestutzt sind.

15:10: Wer kann, gönnt sich mit Freunden und Geschäftspartnern die Luxusvariante eines Rennbahntages auf der VIP-Tribüne. Für diese Kunden ist Fredericke Kopp die Ansprechpartnerin. Im Vertriebsbüro nimmt sie eine Buchung entgegen. "Ein Vierertisch inklusive Drei-Gänge-Menü und Champagner kostet 1400 Euro. Rund 80 Plätze haben wir", sagt Kopp. Für etwas schmalere Geldbeutel gibt es die Variante mit Buffet und Prosecco im Loungebereich der Haupttribüne für 880 Euro.

15:55: Die denkmalgeschützte Rennbahn in Hoppegarten ist mit 206 Hektar nicht nur die größte, sondern auch eine der schönsten Deutschlands. Das soll sich auch schon auf dem VIP-Parkplatz zu sehen sein. Lutz Mende installiert dort einen prächtigen Holzzaun aus 200 Pfosten.

16:40: Andreas Neue kommt in seinem Büro kaum zur Ruhe. "Morgen müssen die letzten Infos raus", sagt er. Er leitet die Öffentlichkeitsarbeit und muss sich anlässlich des bevorstehenden Renntages nicht nur in die Starterangaben, sondern auch das Thema "Designhüte" einarbeiten. Denn traditionell ist der Pfingstsonntag "Ladies Day" und neben den Rennen findet eine aufwendige Hutschau statt. Anklänge an Prunk und Nonchalance britischer Renntage sind durchaus beabsichtigt. In Hoppegarten wird eine mit Prominenten besetzte Jury am Ende der Schau den schönsten Hut auf der Rennbahn küren.

17:50: Es rumpelt hinter den Luken von Stand Nummer drei, denn Dirk Fries räumt zwei schwere Bierfässer hinein. Noch sind die Rollläden der hübschen weißen Holzhäuschen im "Kiesbett" heruntergelassen. In wenigen Tagen aber schon wird das ausgedehnte Besucherareal zwischen Haupteingang und Tribünen von durstigen Gästen bevölkert sein. Fries hat die Getränkelogistik seit Jahren im Griff. "Allein 40 Bierfässer muss ich auf die verschiedenen Ausschänke verteilen", sagt er. Nach zwei Tagen Arbeit ist jede Bar bestückt. Der Pfingst-Renntag kann kommen.