Bühnencheck

Jetzt noch politischer: Tim Fischer

| Lesedauer: 2 Minuten
Ulrike Borowczyk

Ein Flügel und ein Mikrophon - mehr braucht ein Duo nicht, um die Zuschauer von der ersten Sekunde zu fesseln. Wenn der Sänger Tim Fischer heißt. Ihm folgt man musikalisch gern, selbst wenn die wohl noch freundlichsten Verse des Abends empfehlen, man solle doch zwecks globaler Entkrampfung Männer mit weiblichem Gemüt klonen, während andere Lieder vor allem um politische Krisen und menschliches Leid kreisen. Starker Tobak also, was den Pianisten Rainer Bielfeldt verzweifelt fragen lässt: "Wo bleibt denn das Positive?"

Keine Angst. Trotz vieler zeitkritischer Songs blitzt auch immer wieder messerscharfer Humor auf in Tim Fischers neuem Programm "Satiriker sind kein Lyriker", das jüngst in der Bar jeder Vernunft Berlin-Premiere feierte. Gerhard Woyda, Jahrgang 1925, Gründer und langjähriger Intendant des Stuttgarter Renitenztheaters, hat die bitterbösen, brandaktuellen Lieder überwiegend in Brecht-Weill-Manier getextet und komponiert. Das Motto der Songs, frei nach Tucholskys legendärer Bemerkung "Die Zeit schreit nach Satire", stimmt damals wie heute. Woyda wechselt sich übrigens mit Rainer Bielfeldt am Klavier ab. Beide sind an den Tasten sowohl hervorragende Begleiter als auch brillante Solisten.

Woyda holte Tim Fischer schon am Anfang seiner Karriere 1991 mit dem Programm "Zarah ohne Kleid" nach Stuttgart. Der Beginn einer jahrelangen intensiven Zusammenarbeit, die nun in diesem hochklassigen, intelligenten Chanson-Abend gipfelt. Vorbei allerdings sind die Zeiten, in denen Tim Fischer divenhaft in glitzernden Bühnenroben posierte. Seit seinen Georg-Kreisler-Programmen ist der 39-Jährige innerlich und sichtlich äußerlich gereift. Seine Outfits sind in gedeckten Farben und passend dazu versteht er es noch punktgenauer, seine sparsame Gestik und Mimik einzusetzen.

Und er ist noch politischer geworden. Egal, ob es um Krieg, Missbrauch oder Börsenmakler geht: Tim Fischer gibt den Hochleistungschansonier. Seine Qualität zeigt sich in Präzision und Ausdruckskraft. Keiner singt selbst schwierigste Kompositionen mit derart federleichter Prononciertheit und erweckt die Lieder so gekonnt zum Leben. Diesem Ausnahme-Künstler bei der Arbeit zuzusehen ist ein Genuss.

Bar jeder Vernunft Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel.8831582, Vorstellungen bis 27.5., dienstags bis sonnabends 20 Uhr, sonntags 19 Uhr, Tickets 21,50 bis 29,50 Euro.