Ich bin ein Berliner

Und jetzt das Wetter

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Thomas Globig, Meteorologe

Thomas Globig lebt im Morgen. Seine Aufgabe ist es, die Zukunft zu zeigen. Meistens klappt das ganz gut. Nur manchmal verhält sich das Wetter wie ein ungezogenes Kind und löst Globigs Berechnungen in Luft auf. In einer Gewitterfront, in einem Platzregen, in einem Schneesturm. "Man will der Natur ein bisschen in die Karten schauen, aber das gelingt nur ansatzweise", sagt der 55 Jahre alte Meteorologe.

Es gibt einfach zu wenig Ordnung und zu viel Chaos in der Atmosphäre. Fehlprognosen seien also unvermeidbar - genau wie der Spott seines Publikums, wenn er daneben gelegen hat. "Da muss man dann drüber stehen und das als Ansporn nehmen, in seinen Vorhersagen immer besser zu werden", sagt Globig.

22 Jahre war der Wasserturm auf dem Fichteberg am meteorologischen Institut der Freien Universität in Dahlem sein Arbeitsplatz. Der Ort ist wie geschaffen für Wetterbeobachter: von der Turmspitze ein spektakulärer Blick über den grünen Südwesten der Hauptstadt, im Innern ein Sammelsurium an Archivmaterialien, historischen Instrumenten und Computertechnik, im Garten die europaweit einzige universitätseigene Wetterstation. An den Bürowänden hängen große Fotos von Wolkenbergen: cirrus spissatus, cumulus mediocris, altostratus translucidus. Und dazwischen, da geben sich die Berliner Meteorologen ganz klischeebewusst, immer wieder Froschfiguren in allen erdenklichen Größen. Hier hat Thomas Globig sein Handwerk gelernt, bevor er zum professionellen Wetter-Erklärer in den regionalen Fernsehprogrammen der ARD wurde. "Es war immer mein Traum, selbst Vorhersagen zu machen", sagt er. Eine Faszination, die rund um die Uhr anhält. Auch nach Feierabend geht sein Blick gen Himmel. Und am Morgen vertraut er nicht etwa der hübschen Ansagerin im Frühstücksfernsehen, sondern errechnet sich seine eigene Vorhersage - aus dem unansehnlichen Rohmaterial der Satelliten und Messstationen.

Gedankt wird es ihm selten, sein Publikum ist anspruchsvoll. Wenn alles glatt läuft, bekommt er kaum Applaus. "Die Menschen erwarten nun mal, dass der Bus pünktlich kommt, dass das Licht angeht, wenn man den Schalter drückt, und dass der Wettermann recht behält, sagt Globig.

Schon das Wort Fehlprognose sei tückisch. "Wenn ich von ,vereinzelten Regenschauern über Berlin' spreche, dann meine ich eben auch nur vereinzelt", sagt er. Dann sei es eben nicht verwunderlich, wenn nur ein Bruchteil seiner Zuschauer nass werde. Außerdem: Die Zeit, die ihm bei seinen Fernseh- und Hörfunkauftritten gegeben wird, ist knapp bemessen. Da müsse man vergröbern, verallgemeinern, könne nicht immer ins Detail gehen. "Auf vielen Wetterkarten liegt das Wolkensymbol über drei Bundesländern. Ist doch klar, dass der Informationsgehalt einer solchen Darstellung recht gering ist", sagt er. Trotzdem wird gemeckert, besonders von den Berlinern: "Die ländliche Bevölkerung geht gelassener damit um. Städter dagegen regen sich viel schneller auf, obwohl die viel weniger vom Wetter betroffen sind."

Aber wie viel Mensch steckt eigentlich noch in seinen Berechnungen? Reicht mittlerweile nicht ein kluger Algorithmus aus, eine mathematische Formel, die den Datenwust per Knopfdruck herunterrechnet? "Was solche automatischen Ansagen wert sind, sieht man im Internet oder bei Wetter-Apps auf dem Smartphone. Da stößt es mir ganz bitter auf", sagt er. Die Fehlerquote sei haarsträubend, besonders die Langzeitprognose völlig unseriös. "Die zeigen mir, wie das Wetter in 14 Tagen am Vormittag sein soll. Man täuscht dem Nutzer eine Genauigkeit vor, die es nicht geben kann", sagt Globig. Ganz zu schweigen von Computermodellen, die das Klima in 100 Jahren kennen wollen.

Eine gute Vorhersage dagegen komme ohne Mensch nicht aus, man brauche Fachwissen, Erfahrung und viel Bauchgefühl. Und schließlich müsse ja auch jemand das Wetter präsentieren, die Zahlen und Werte in charmante Worte packen. Also los: Wie wird es am heutigen Sonntag? "Schmuddelig. Tief Ute zieht über Deutschland hinweg. Es gibt Kuschel-, Kamin- und Kerzenwetter."