Ausflugs-Tipp

Zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor

Sie brauchen nicht in Ehrfurcht zu erstarren, aber Respekt sollten Sie diesem längsten Baudenkmal Europas schon entgegenbringen.

Denn immerhin durchmessen wir zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor ein Gesamtkunstwerk. Dort, am Strausberger Platz, an dem wir starten, spürt man vielleicht am intensivsten, wie sehr dieser Ort seine Identität noch sucht. In den zahlreichen Galerien, die sich hier angesiedelt haben, sind die Wände weiß, die Fenster groß, die Kunst experimentell und die Computer von Apple. Das ist sehr schick, aber wirkt doch ziemlich fremd. Die Karl-Marx-Allee hat sich radikal verändert seit der Wende, ein Magnet für die werktätigen Massen ist sie nicht mehr, aber cool ist sie noch nicht. Sie ist irgendwo dazwischen.

Als der erste Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, das Haus des Kindes 1954 eröffnete, stand das Nationale Aufbauprogramm in voller Blüte, das die Grundlage für den Bau der damaligen Stalinallee legte. Zwar orientierte sich die Architektur streng am sowjetischen Vorbild, doch schauen Sie nur, wie die gestalterischen Richtlinien in jedem der Blöcke unterschiedlich interpretiert wurden. Kein Abschnitt gleicht dem anderen, die Menge an Vorsprüngen, Balkonen, Terrassen, Giebeln ist beachtlich. Wenn Sie sich im Computerspiele-Museum (Nr. 93A) über Pacman, Pong und andere Vergnügungen aus dem Tertiär des Computerzeitalters informiert haben, liefert etwa die Bebauung an der Weberwiese sowie zwischen Frankfurter Tor und Proskauer Straße eindrucksvolle Beispiele für den Variantenreichtum. Auch wenn es schwer fällt, es zuzugeben: Selbst in einer Diktatur kann Schönes entstehen. Schautafeln, die in kurzen Abständen unsere Strecke säumen, erklären die Geschichte der Straße und der "Arbeiterpaläste". So erfahren wir auch, warum der Wohnblock gegenüber dem ehemaligen Kosmos-Kino aus dem Rahmen fällt. Die "Wohnzelle Friedrichshain" wurde von Ludmilla Herzenstein und Hans Scharoun entworfen und fiel der vernichtenden ideologischen Kritik zum Opfer. Walter Ulbricht nannte die ästhetisch reichlich banale Häuserzeile eine "kosmopolitische Fantasie", die flugs hinter Bäumen versteckt wurde. Ein architektonischer Leuchtturm hingegen ist bis heute das Hochhaus Weberwiese des DDR-Stararchitekten Hermann Henselmann, mit dem 1951/52 der Startschuss für die Stalinallee gegeben wurde. Und vor der Karl-Marx-Buchhandlung (Nr. 78/80), an die nur noch der legendäre Schriftzug und die gediegenen Holzregale erinnern, kann man nostalgisch werden. Da hilft am Ende nur eine Stärkung mit gutem Westkaffee - natürlich im altehrwürdigen Café Sibylle (Nr. 72).