Serie: Kiez auf Kulinarisch

Liebe auf den ersten Biss

Letzter Teil der Serie, in der Morgenpost-Redakteure ihr Viertel vorstellen. Heute: Charlottenburg

Gutes Brot ist wichtig. So bin ich, die aus Hannover stammt, erzogen geworden. In der Nachbarschaft von Ex-Präsidentenbrötchen-Bäcker Jochen Gaues aufgewachsen, lernt man knackige Kruste zu saftig-dicht gebackenem Innenleben einer Walnussfruchtstange, eines Kürbiskernquark- oder Kohlspeckbrotes einfach schätzen. Wie gut, dass Gaues nicht auf die zweite Amtszeit von Herrn Wulff - ja, der stammt aus der Nähe von Hannover - gesetzt hat und schon längst fast alle Fünf-Sterne-Hotels der Hauptstadt inklusive Gourmetrestaurants wie das Fischers Fritz von Zwei-Sternekoch Christian Lohse beliefert. Der übrigens auch mal in Hannover gekocht hat. Ich kann mir zwar weder Lohse noch Adlon leisten und in der Nähe der Luxushäuser, um mich heimlich in die Kühlräume zu schleichen, wohne ich auch nicht. Aber Charlottenburg ist entschieden schöner als Hannover. Und was das Brot angeht, so kann der Kiez gut mithalten.

Bitte Berlin zum Frühstück

Im Set's an der Schlüterstraße prangt auf großer Kreidetafel zwischen türkis mit Muster getünchten Wänden: "Brottradition. Unser Brot wird nach alten handwerklichen Gesetzen mit langer Reifezeit hergestellt und in Natursteinofen gebacken." Herrlich. So muss das sein. Zum Frühstück kommt dann je nach Hunger die Etagere für zwei (18 Euro) oder - absoluter Favorit - das Set's Set (7,90 Euro) mit eben jenem wunderbar dicht gebackenen Natursauerteigbrot, französischem Landbrot und drei Aufstrichen nach Wahl, zum Beispiel Rote Bete-Ingwer, Berlin (Kalbsleberwurst), Lissabon (Hähnchenbrust, Tomate, Rucola) oder Oslo (Lachs und Wasabi) auf den Tisch. Ich entscheide mich für Berlin. Natürlich. Ein Kollege nannte das Set's mit Blick auf Design und Publikum mal ein "absolutes Mädchencafé". Zu Törtchen, Flammkuchen und frisch gepressten Smoothies trifft sich hier gern mal die halbe Hertha-Mannschaft, Mitte-gestresste Jungschauspieler und erfahrene Gastronomen wie Roland Mary. Ein "deswegen" würde ich nie unterstellen. Inhaberin Ruzica Krakan, bis 2007 Restaurantchefin im Borchardt, hat gemeinsam mit einer guten Freundin einen liebevoll bis ins letzte Stuckdetail gestalteten Mix aus französischer Boulangerie und britischem Bakery Shop geschaffen, der junge Frauen anzieht. Die einen stil-, die anderen brotbewusst.

Heiße Röllchen her

Nach so viel Teig und Hype müssen es Körner sein. Reis, der sich in Seealgenblätter gedreht, mit frischem Fisch zu herrlichem Sushi verbindet. Mein absoluter Lieblings-Laden in ganz Berlin ist Genki Sushi an der Wilmersdorfer Straße. Neben unfassbar leckeren Sake-Avocado-Röllchen (2,20 Euro), krossen Lachshaut-Maki (2,10 Euro) und heißer, weil panierter Buddha Roll mit Gurke, Kürbis und Avocado (4,80 Euro) freue ich mich jedes Mal wieder über die so herzlichen und bodenständigen Gastgeber. Bui Quang-Thanh und Dao Tuyet-Mai kommen aus Vietnam und leben seit 1988 in Berlin. Mit Genki haben sie sich im Jahr 2005 selbstständig gemacht. Seitdem arbeiten sie sieben Tage die Woche, auch an Weihnachten, Silvester, Ostern, Geburtstagen. Er kauft ein und rollt, sie macht Service und Buchhaltung. Ohne jemals über Gäste zu stöhnen, freie Tage zu verlangen oder sich um Werbung für ihr Restaurant zu kümmern. Zwei Jahre nach der Eröffnung hatten sie das erste Mal geschlossen. Eine Woche. Um zu renovieren.

"Tacht sum Mitnähm"

Kuchen schmeckt nur, wenn er mit Liebe gemacht ist. Das ist kein Sprichwort, das ist wahr. Da gehört Butter dran und Sinn fürs Detail. Uwe Gundelach hat das verstanden. Sein Kuchenladen an der Kantstraße ist ein Paradies aus feinen Tartes, obstbeladenen Kuchen und saftigen Streuselstücken zum Sattwerden. Aus dem einstigen 30-Quadratmeter-Raum ist vor einem Jahr ein mit bunten Stühlen und pink-, gold-, gelbstrahlenden Wänden ausgestattetes Café mit 35 Plätzen geworden. Weil der 54-Jährige den Erdgeschossraum im Nachbarhaus dazu gepachtet hat. "Een kleena Laden solltet werden - aber die Leute haben uns übarannt", sagt er. Am Wochenende steht halb Zehlendorf vor der Tür, an diesem Tag ein Franzose vor mir, der nach "Buttämilsch-Tacht sum Mitnähm" fragt. 30 bis 40 verschiedene Kuchen bietet der Kuchenladen, dazu selbstgemachte Marmeladen aus dem Brandenburger Land und Cupcakes für Trendbewusste. Mir reicht schwäbische Rhabarbertarte, feiner Grießschmand mit saurer Frucht und: Butter-Mürbeteig (2,80 Euro). Der neben individuellen Bestellungen von der fünfstöckigen Hochzeits-Torte bis zur Eisenbahn-mit-Gesicht-Oblate in der hinteren Backstube täglich kiloweise frisch gebacken wird. Von Konditor Jonathan Müller und einer Frau, die neben Uwe Gundelach und Klaus-Dieter Heinemann viel Liebe in die kreative Weiterentwicklung der Torten des Kuchenladens steckt. Sie heißt Berlin, Anja Berlin.

Über Nacht zu Kilians

"Was G'scheits" zum Abendbrot gibt es im Kilians, Knobelsdorff-/Ecke Danckelmannstraße. Das Sauerteigbrot kommt von Borchardts Bäckerei, andere Produkte der Karte direkt aus Franken. Wie der Name des Restaurants, dessen heiliger Träger im Würzburger Dom begraben liegt oder die Rostbratwürste, die per Overnight-Express aus einer Metzgerei in Pfofeld geliefert werden. Seit einem Jahr betreiben Silvia und Steffen Walter das einfache, mit viel Fensterfläche und roten Wänden ausgestattete Restaurant. Von den Rostbratwürsten ("Blaue Zipfel" für 6,90 Euro) und Saisonalem wie Gans oder Spargel gibt es hier immer beruhigend viel - herzliche Atmosphäre noch viel mehr. Für die sorgt sie. Vor vier Jahren ist Silvia Walter nach Berlin gezogen. Nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt und einen Neuanfang gesucht habe, sagt sie. Und als sie nach Berlin gekommen sei, da habe sie sofort beschlossen, hier bleiben zu wollen. "Das war wie Liebe auf den ersten Blick", sagt Silvia Walter. Wie wahr. Meine Namensverwandtschaft zum Kilians ist übrigens Zufall - mit Vetternwirtschaft hat das natürlich nichts zu tun. Obwohl ich aus Hannover stamme.