Ich bin ein Berliner

Freiheit mit 200 PS

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Thom Piston, Hot-Rod-Spezialist

Das Biest zerfetzt das Vorstadt-Idyll. Vier Reifen und ein Motor, viel mehr ist nicht dran an diesem Gefährt. Ein leichtes Tippen auf das Gaspedal genügt, schon wird ein infernalisches Gebrüll entfesselt. Für Thom Piston ist es immer das gleiche Ritual: den Motor zünden, die Maschine aus dem Schuppen lenken und sich dann mit mehr als 200 PS in die Freiheit katapultieren. Der 48-Jährige fährt Hot Rods - modifizierte US-Klassiker, die in den 1930er-Jahren gebaut wurden. Die Schrauberei hat nur ein Ziel: Geschwindigkeit. Weil jedes überflüssige Gewicht die Leistung drosselt, sind die Autos nackt. Motorhaube und Schutzbleche werden entfernt, die Höhe des Dachs verkürzt. Zurück bleibt eine Art tiefergelegter Traktor, der viel Krach macht und wahnsinnig schnell beschleunigt. Mit normaler Autoliebhaberei hat das nicht mehr viel zu tun. "Wir sind ein bisschen wie vom anderen Stern", sagt Thom Piston.

Im beschaulichen Biesdorf ganz im Osten der Hauptstadt schraubt er mit seinem Kumpel Olli an einem Ford Coupé, Baujahr 1932, mit 5,7-Liter-Chevrolet-Motor, Automatikgetriebe und Chevi-Hinterachse. Auf dem Armaturenbrett fehlt der Tacho, das Tempo wird über die Drehzahl errechnet. Aus dem Kühler steigt Wasserdampf, nachdem Olli das Geschoss um den Block gejagt hat. Drei Fahrradfahrer und eine alte Dame mit Hund haben dem Hot Rod hinterhergestarrt - mal verwirrt, mal überrascht, mal hingerissen. "Die Leute sind von unseren Autos fasziniert, dass wir das so konsequent durchziehen und alte Fahrzeuge wieder auf die Straße bringen. Im Moment sind wir sehr beliebt", sagt Thom und meint damit auch das ganze Drumherum: den Rock'n' Roll und Rockabilly, Petticoats und Pomade im Haar, den American Way of Life vergangener Zeiten. Das sei nicht immer so gewesen.

Noch vor elf, zwölf Jahren, als Thom zum Hot Rodder wurde und zugleich das erste deutsche Szene-Magazin herausgab, kamen Anfeindungen von allen Seiten: von den Oldtimer-Freunden, die nicht verstehen konnten, wie man einen Klassiker zerpflücken kann. Oder von der Polizei, die keine andere Wahl hatte als der PS-Protzerei zu misstrauen. Dabei sind Thoms Autos TÜV-geprüft und für den Straßenverkehr zugelassen. Mittlerweile aber habe sich die Aufregung gelegt. Eine ganze Industrie sei entstanden, die Preise für Originalteile würden explodieren, weil das Ausgangsmaterial immer rarer wird. Und bei Tuning-Messen seien sie nicht mehr die verlachten Exoten mit den vielen Tätowierungen.

Customizing lautet der Fachbegriff und bedeutet so viel wie: aus dem Auto sein eigenes Ding machen. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Die Vorkriegstechnik ist im Vergleich zu modernen Modellen geradezu archaisch. "Theoretisch kann da jeder Hand anlegen. Die Teile sind 70 Jahre alt und haben sich bewährt. Man braucht keinen Computer, um einen Hot Rod aufzurüsten", sagt Thom. Auf diese Weise werde das Auto zum Ausdruck von Individualität, ohne den historischen Bezug zu den Ursprüngen der Nischenkultur zu verlieren. "Du kannst das nicht im Laden fertig kaufen, du musst dich kümmern und viel Zeit investieren", sagt er. Diese Einstellung ist für Thom ein Lebensgefühl. In seinem Büro, in dem er sein Magazin erstellt, hängen handgemalte Plakate, in der Küche reihen sich handgeschnitzte Tiki-Figuren aneinander, auf dem Küchentisch steht ein Kaffeeservice mit handgemalten Monsterschädeln. "Es geht um Einzigartigkeit", sagt Thom.

Vielleicht hat diese Suche nach dem eigenen Ding mit seiner Biografie zu tun. Thom Piston wuchs in Leipzig auf und musste Zerspanungsfacharbeiter lernen. Zwischen seinem 18. und 24. Lebensjahr saß er insgesamt vier Jahre im Knast. "Widerstand gegen die Staatsgewalt, subversives Verhalten, solche Dinge eben", sagt Thom. 1986 wurde er als politischer Häftling von der Bundesrepublik freigekauft. Gerade noch rechtzeitig: Er war in Hungerstreik getreten und wog zuletzt 34 Kilo. Mehr will er über diese Zeit nicht erzählen, aber er lacht viel dabei. Weil nun er die Kontrolle hat. Zumindest wenn er in seinem Hot Rod sitzt.