Berliner Perlen

Nur ein winziges Schlückchen

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Manuela Blisse

Erst promovierte Thomas Kochan über Alkoholkonsum in der DDR. Dann verlegte er sich in Prenzlauer Berg auf den Handel mit raren Spirituosen. Viel davon verträgt er allerdings nicht

"Großer Dichter, die Welt ist nur durch eine rosarote Brille zu ertragen. Meine ist der Schnaps", hat Joachim Ringelnatz vor vielen Jahrzehnten in einem Brief an Stefan Zweig geschrieben. Erst schmunzelt man, dann runzelt man die Stirn über den Teufel Alkohol und das gängige Klischee über den Seelentröster Schnaps. Auch für Dr. Kochan ist Schnaps eine Art Lebenselixier, jedoch anders als man vermuten würde, eher dem deutschen Sprichwort "Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren" folgend. "Schnaps ist Kulturgut und Genussmittel", lautet seine Mission. Und die vertritt er professionell. In Prenzlauer Berg betreibt er eine kleine, ungewöhnliche Schnapshandlung. Kein vollgestopfter Laden mit 1,99-Euro-Schnäppchen, sondern ein freundlicher Raum mit Regalen voll Produkten der Oberliga.

Aus kleinen Brennereien

"Meine Schnäpse stammen aus kleinen Brennereien und sind Handwerksprodukte", so Thomas Kochan. Der gebürtige Cottbusser, Jahrgang 1968, hat in Berlin europäische Ethnologie studiert, nachdem er bereits ein Studium als Diplom-Bibliothekar absolviert hatte. Am Ende seines Ethnologie-Studiums begann er sich mit der Jugend der DDR zu beschäftigen, mit Langhaarigen, Hippies und Freaks. Die Studie erschien 2004 als fast 700-seitiges Buch "Bye, bye Lübben City". "Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen, und immer ging es dabei auch um Alkohol, um Klischees wie den übermäßigen Schnapskonsum", erinnert er sich.

Kochan, dessen Konterfei unübersehbar die Eingangstür ziert, hatte schon immer ein Faible für Spirituosen. Wein habe ihn nie interessiert, wohl aber der Cognac bei seiner Oma. "Aus dem Urlaub habe ich Obstbrände mitgebracht", sagt er. Im März 2011 eröffnete er seine Spirituosenhandlung. Gleichzeitig erschien "Blauer Würger - so trank die DDR", sein zweites Buch, die Doktorarbeit über Alkoholgenuss in der DDR.

Schnaps ist nicht gleich Schnaps, vor allem nicht für Thomas Kochan. "Das Getränk muss gut schmecken, gut riechen und korrekt hergestellt sein", sagt er. Rund 250 Spirituosen führt er. Neben den Hauptprodukten, Bränden und Likören, auch Whisky, Gin, Rum, Korn, Cognac, Grappa und Absinth. Fast alles importiert er selbst. Kochan kennt die Produzenten in Deutschland und manchen Bauern, der zwar wunderbare Tröpfchen fertigte, aber zunächst kein Interesse am Verkauf hatte.

Wenn ein Kenner eine Williamsbirne mit Leidenschaft veredelt, ein Likör ohne Farbstoffe und künstliche Aromen hergestellt wird oder ein Mönch der Erzabtei St. Ottilien aus eigenen Kräutern einen Likör produziert und auch noch selbst die Banderolen aufklebt, ist Kochan überzeugt. So auch vom Werk zweier junger Tonmeister aus der Nachbarschaft, die als Hobby einen Kräuterlikör herstellen, dessen Rezept einer ihrer Vorfahren in den 60er-Jahren als Apotheker entwickelt hat. "Ingwer und Galgant sorgen da für die Schärfe, Mandeln, Zimt und Vanille für zurückhaltende Süße", sagt er über den wunderbar benannten "Pijökel 55".

Mit Danziger Goldwasser hat er den ältesten Likör des deutschsprachigen Raums im Angebot. Das Rezept stammt aus dem 16. Jahrhundert. Das neueste Produkt im Sortiment dagegen ist etwas, das er als "Swiss Highlander" bezeichnet: ein Whisky aus Appenzell, produziert von einer Familienbrauerei, die den Whisky in alten Bierfässern aus Eiche lagert. "The Duke" nennen zwei Münchener Geschichtsstudenten ihren Gin, den Kochan nun führt. Eine Zufalls-Entdeckung war ein Apfelbrand einer Stiftsbrauerei, ein dunkelrosé-farbener Apfelbrand, in den Rosenblätter eingelegt wurden. "Rose in der Nase, Apfel auf der Zunge", schwärmt er. "Kir Royal von der Mosel!". Bräunlich und bei weitem nicht so bitter ist der "Gran Classico Bitter", ein" Natur-Campari nach einem alten Turiner Rezept, produziert von einem Absinthbrenner mit eigenem Wermutstrauch.

Doktor Schnaps hat eine Vielzahl von Stammabnehmern, darunter Bars, Hotels und Restaurants. Erstbesucher sind hingegen meist jene, die ein besonderes Geschenk suchen. "Wir tasten uns da gemeinsam voran. Ich erkundige mich, wer beschenkt werden soll, ob man Liköre, also Spirituosen mit Zucker, oder Brände, ohne Zucker, bevorzugt und wie die Preisvorstellungen sind", sagt Kochan. "Alles kann probiert werden." Fast alle Sorten bietet er zudem in Zehn-Milliliter-Probierfläschchen an, bestens geeignet für häusliche Verkostung. Zum Sortiment gehören Bücher, das nötige Equipment für die Hobbyproduktion und Feinkost wie Whiskymarmeladen. Für Gruppen bietet Kochan auch Schnapskurse, also Verkostungen an.

In ganz geringen Dosen

In Sachen Wein ist der zweifache Vater bis heute seinen Jugendidealen treu geblieben. "Davon wird man zu schnell betrunken", erklärt er. Überhaupt: Die Wirkung von Alkohol irritiert ihn noch immer. "Alkohol ist ein Geschmacksträger, er soll nicht benebeln", sagt Thomas Kochan. Mit Schnaps dagegen, in der richtigen Dosierung, bleibt für ihn die Trinkkultur, deren Wahrung er sich verschrieben hat, erhalten. "Ich trinke ab und an ein, und wirklich nur ein Glas Schnaps", sagt Kochan. "So bleibe ich nüchtern und kann es genießen."

Dr. Kochan Schnapskultur Immanuelkirchstr. 4, Prenzlauer Berg, Tel. 34 62 40 76, Montag-Freitag 12-20 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr, www.schnapskultur.de