Kiez auf Kulinarisch

Die neue Burgerlichkeit

| Lesedauer: 5 Minuten
Manuel Bewarder

In unserer Serie stellen Morgenpost-Redakteure ihre Lieblingslokale vor. Heute: Friedrichshain

Friedrichshain hat nicht unbedingt etwas mit gutem Geschmack zu tun. Vielmehr mit Hunger. Hunger auf Reibung, Unfertiges, Umbrüche. Mit dem Hunger auf Leben also. Anderswo haben sich Stadtviertel vielleicht schon gefunden, sind viele Westdeutsche in sanierte Altbauten gezogen, wie in Prenzlauer Berg. Oder wie in Kreuzberg, wo sich die Revoluzzer nach ihrer Revoluzzerzeit in den 80er-Jahren die Häuser hübsch und manchmal hübsch-bieder herausgeputzt haben. Oder im Norden Neuköllns, wo ähnliches von Studenten und Kreativen geschaffen worden ist.

Friedrichshain jedoch ist anders. Hier entwickelt sich seit ein paar Jahren zwar auch ein Stadtteil in rasanter Geschwindigkeit. Wie in Neukölln. Und natürlich steigen die Mieten. Wie in Prenzlauer Berg. Doch noch immer ist diese Gegend zwischen Spree im Süden und S-Bahn-Ring im Norden und Osten nicht so ausgiebig im hippen Reiseteil der "New York Times" beschrieben oder gilt in Vorabendserien als Sehnsuchtsort für Träger von Brillen mit Vintage-Gestellen. Friedrichshain steht in der zweiten Reihe der Berliner Trendbezirke.

Günstiger Start

Ganz ähnlich verhält es sich mit Essens-Tipps für das Viertel. Es gibt Restaurants, die teurer sind, sicherlich auch bessere. Doch darum geht es in Friedrichshain nicht. Dort, wo diese kurze kulinarische Reise hingeht, wird auf gutem Niveau der Hunger gestillt. Mit all dem, was man zum Leben braucht: gutes Essen, vernünftige Preise, nette Menschen und unangestrengte Atmosphäre. Ich mag das.

Wer in diesen Frühlingstagen einmal ausführlich durch den Samariterkiez nördlich der Frankfurter Allee und durch die Gegend rund um den Boxhagener Platz schlendern will, dem empfehle ich zum Start ein Frühstück im Orange Coffee an der Voigtstraße. Nirgendwo sonst verhalten sich Preis und Leistung so freundlich zueinander wie hier. Am Wochenende gibt es etwa das leicht mediterrane "Frühstück Orient" für 5,30 Euro. Es enthält einen Korb mit Brötchen, verschiedene Käsesorten, Wurst, Kisir - ein Weizengrießsalat -, Gemüse, Obst, Cous Cous, gefüllte Weinblätter und ein Ei. Dazu kommt, dass dieser Teller eigentlich für zwei Hungrige reicht, wenn man noch zwei Brötchen extra bestellt.

Zum Orange Coffee passt, dass sich auf der Straßenseite gegenüber einmal ein Fanshop für den RTL-Schuldenberater Peter Zwegat befand. Beide, dieses Café mit seinen Mitarbeitern, und Peter Zwegat, stehen für gute Arbeit mit freundlichem Ton.

Soul im Burgeramt

Zum Mittag schlendert man am besten in den Südkiez, zum Boxhagener Platz. Mein Favorit ist dort das Burgeramt. Den Wortwitz verzeiht man spätestens, wenn man einen der vielen verschiedenen Burger probiert hat. Dazu kann man auch Pommes Frites bestellen. Weil dies aber erst Station zwei der kulinarischen Reise durch meinen Kiez ist, bleibe ich bei einem Chili-Cheese-Burger. Aber mit einer großen Cola - die muss zu dem scharfen Fleischbrötchen sein. Im Hintergrund dudelt meist lässige Soulmusik und vor den Kacheln sitzen besonders gern Studenten und Freiberufler um die 30 Jahre. Ein Ort, der die wohl besten Burgerläden wie die der Kette Five Guys an der US-Ostküste fast vergessen lässt.

Vollgestopft verlasse ich das Burgeramt, dessen Außenplätze leider im schattigen Norden liegen, und drehe eine Runde über den Flohmarkt am Boxhagener Platz. Dann geht es zurück in den Nordkiez rund um die Samariterkirche.

Guttenberg mit Torte

In der vielleicht schönsten Straße des Kiezes, der Bänschstraße mit ihren Bäumen und dem Fußweg in der Mitte, lässt es sich stundenlang vor der Bar beziehungsweise dem Restaurant Die Wohngemeinschaft in der Sonne sitzen. Mit WLAN wird einem niemals langweilig und die Quiche ist sehr lecker. Dies ist übrigens das Café, in dem der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im vergangenen Januar eine Torte ins Gesicht gedrückt bekam. Guttenberg hatte sich hier mit einem Internetaktivisten getroffen und wollte über Freiheit im Netz sprechen.

Irgendwie passte das zur Wohngemeinschaft. Das Lokal, in dem die Hauptstadt-Hipster sitzen, erinnert an das nett-durchgeknallte Berlin-Mitte der 90er-Jahre. So etwas sticht heraus in einem Kiez, der langsam in die Hände von Eltern mit kleinen Kindern fällt. Wozu übrigens auch ich gehöre.

Toll trotz Touristen

Für das Abendessen geht es zum Höhepunkt: dem Mio in der Samariterstraße. Hier stört es gar nicht, dass man Touristen trifft, die auf das Restaurant mit Spezialitäten aus dem Mittelmeerraum durch ihren Reiseführer aufmerksam geworden sind. Ich denke nur: Toll, dieser Laden hat jeden Kunden dieser Welt verdient. Ein frisches Essensangebot, unfassbar gut, und dann noch dieser niedrige Preis. Mein Tipp: Zunächst den türkischen Vorspeisenteller (5,50 Euro), dann die hausgemachten Ravioli (8,90 Euro) essen. Ein Traum auf rot-weiß-karierten Tischdecken.

Doch, ganz ehrlich, ich weiß gar nicht so viel über gutes Essen. Ich weiß nur, wo ich mich wohlfühle.