Bühnencheck

Operette muss nicht kitschig sein

Ein Operettenabend, aber ganz ohne Kitsch. Die Neuköllner Oper feiert lieber eine coole Party als ein schwüles Maskenfest.

Da gibt es keine plüschigen Boudoirs, in denen Barone mit Grisetten poussieren. Eher karge Keller mit Matratzen und Bierkisten. Der Off-Bühne ist es wieder gelungen, eine 150 Jahre alte Story ins turbulente Hier und Jetzt zu beamen. Offenbachs "Pariser Leben" wird freizügig transformiert zum "Berliner Leben".

Überlebenstraining hat das immer wieder tot gesagte Operettengenre durchaus nötig. Die Neuköllner haben kein Patentrezept, aber sie geben gute Hinweise. Zum Erfolgsmodell gehört die schlüssige Zeitreise des Operettenstoffs. Die Fassung von Hendrik Müller, Barbara Rucha und Kriss Rudolph ist gar nicht weit entfernt vom Original. Noch immer geht es darum, dass reiche, naive Touristen von einheimischen Bohemiens ausgenommen werden sollen, wobei am Ende alle ihren Spaß haben.

Diesmal sind es Neureiche aus dem Osten statt Adlige aus dem Norden. Der Bahnhof wird zum Airport, Schuster und Handschuhmacherin zu Frisör und Tätowiererin. Was bleibt, ist der Übermut der kleinen Glücksspechte, der Sog der Amüsiermeilen und der allgegenwärtige Hunger nach Leben. Immer schneller kreisen die Hüften, die Drehbühne und die Drogenträume. Ungezogene und Ausgezogene holen Koks aus dem Nähkästchen. Offenbachs Can Can wird zum Unterwäscheballett.

Offenbachs Musik wird bei den Neuköllnern nicht immer sensibel gehandhabt. Am besten von den Sängern Clemens Gnad, Sarah Papadopoulou und Susanne Szell. Almut Kühne und Maria Jamborsky punkten eher als Diseusen und der gewiefte Fremdenführer Janko Danailow mit schauspielerischem Elan.

Das Operettenorchester in der Neuköllner Oper besteht aus Klavier, Keyboards und Percussion, das Instrumentarium wird allerdings vielseitig eingesetzt. Ungewöhnliche A-Cappella-Arrangements, eine Begleitung mit schwingenden Weingläsern oder Beatbox sorgen für überraschende Ohrenfreude. Einen opulenten Offenbach-Abend darf niemand in der Neuköllner Oper erwarten, eine fantasievolle Neufassung aber schon. Gern begleitet man all die fehlverliebten Sumpfblüten und Szenestars durch ihr schräg-schrilles Partyleben.

Neuköllner Oper Karl-Marx-Str.131, Neukölln, Tel. 68 89 07 77, nächste Termine: 20.-22. und 26./27. April, 20 Uhr, Karten kosten 9-24 Euro