Berliner Perlen

Tier kommt uns nicht an die Füße

Wer den veganen Lifestyle lebt ist nicht zu plumpem Schuhwerk verdammt. Bei "Avesu" kaufen Szenegänger ihre High Heels aus Kork und Turnschuhe aus alten Autoreifen

Veganer Lebensstil beginnt nicht auf dem Teller sondern an den Füßen. Die müssen bekleidet sein und weil es in herkömmlichen Schuhgeschäften nur so wimmelt von Leder und anderen tierischen Produkten, lag für Fleischverächter Thomas Reichel und Dirk Zimmermann die Geschäftsidee auf der Hand: ein Laden für vegane Schuhe. Im vergangen Oktober öffneten sie in Prenzlauer Berg ihr Geschäft Avesu.

Dort räumen die Firmengründer seitdem Monat für Monat mehr Modelle in ihre umweltverträglichen Pappregale widerlegen nebenbei Vorurteile. Erstens gibt es hier nicht etwa nur Birkenstocksandalen oder bräsige Ökokluft zu kaufen. Denn von todschicken High-Heels aus Kork, über elegante Businessschuhe für den modebewussten Herren, bis hin zu angesagten Sneakern ist das Schaufenster voller Blickfänger.

Shoppen ohne Moralpredigt

Zweitens muss sich niemand vor einer Moralpredigt fürchten. "Wir machen hier ein Angebot", sagt der praktizierende Veganer Thomas Reichel, "aber wir wollen niemanden belehren". Wer mit ihm spricht, merkt gleich, dass Reichel sicher ist, dass sein Ansatz auch ohne erhobenen Zeigefinger überzeugt. Veganer sind Vegetarier, die zudem auf Milch und Eierprodukte verzichten. Übersetzt auf den Alltag als Schuhhändler heißt dies. "Der Hauptgedanke ist, auf Tierleid zu verzichten", sagt Reichel. "Aber etwas globaler gedacht, spielt Nachhaltigkeit und der rücksichtsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen und den Mitmenschen genauso ein Rolle", sagt er.

Deswegen achten die beiden Inhaber auf weit mehr, als nur darauf, Ware zu verkaufen, die frei von tierischen Produkten ist. Soziale Standards bei der Produktion sind ein wichtiges Thema. Der Großteil der angebotenen Schuhe wird von zumeist kleineren europäischen Manufakturen produziert. "Zwei unserer Zulieferfirmen sitzen in Asien, die haben ein Siegel für social responsibility, soziales Verantwortungsbewusstsein, auf das man sich verlassen kann", so Reichel. Er zeigt auf einen Sneaker in den Regalen. "Das sind Schuhe der Marke Ethletics aus Pakistan, garantiert Fair Trade und sogar mit Ökosiegel für den bei der Produktion verwendeten Kautschuk und die Stoffe".

Doch auch das lässt sich noch steigern. Die amerikanische Firma Simple zum Beispiel braucht keine Ökobaumwolle anzubauen, weil sie gleich auf recycelte Materialien zurückgreift. Den schmucken Endprodukten sieht man nicht an, dass sie aus alten Autoreifen oder geschredderten Teppichen gefertigt wurden.

Viele Schuhe bei Avesu kommen aus USA. Die vegane Szene in Amerika ist deutlich größer als in Deutschland und entsprechend ist es der Markt für vegane Produkte. Hauptlieferant aber ist die Firma Vegetarian Shoes aus dem südenglischen Brighton. Wer nun denkt, vegane Schuhe seien ein seltenes Nischenprodukt und die Auswahl dementsprechend begrenzt, hat sich getäuscht. Der Markt wächst ständig und die Vielfalt auch. "Wir haben selbst gedacht, dass das Sortiment bei unseren Ansprüchen überschaubar bleibt. Aber erstaunlicherweise kommen wir bei den Moden und Trends der Anbieter kaum hinterher und bauen unser Angebot gerade deutlich aus", sagt Dirk Zimmermann.

Um auf dem Laufenden zu bleiben, müssen sie Modezeitschriften lesen, zu deren Zielgruppe sie als Männer nicht unbedingt gehörten, sagen Reichel und Zimmermann. "Man muss tatsächlich offen sein für neue Trends und sich über die Entwicklungen im Modemarkt informieren." Dafür fahren die Geschäftspartner auf einschlägige internationale Messen. Ein weitere Nebeneffekt: "Wir gucken den Leuten auf der Straße zunehmend auf die Schuhe", sagt Dirk Zimmermann.

Was das Schuhwerk angeht, können sich viele Menschen trotzdem nicht vorstellen, auf Leder zu verzichten. Dass es sich dabei um ein Naturprodukt handelt, hält Thomas Reichel allerdings für einen Mythos. "Leder wird immer als Naturstoff bezeichnet. Natürlich trifft das in Wirklichkeit nur auf jene Haut zu, die am Anfang eines Fertigungsprozesses steht. Die Verarbeitung geschieht aber mit Hilfe von dermaßen vielen chemischen und industriellen Prozessen, dass von Natur keine Rede mehr sein kann", erklärt er.

Die Alternative steht bei ihm im Regal: Schuhe aus Polyurethanen. "Polyurethane sind organische Ketten, die nicht weniger Tragekomfort bieten als Leder. Das Material ist atmungsaktiv, wasserdicht und lässt sich recyceln". Außerdem sehen sie Lederschuhen täuschend ähnlich.

Einladung zum Rockkonzert

Avesu ist doppelt günstig gelegen, einerseits in einem Energie sparenden Passivhaus, andererseits neben Berlins einzigem veganen Supermarkt, der Veganer aus der ganzen Stadt anzieht. Über Zulauf können sich die beiden nicht beklagen. Ihre Ware zieht auch das nichtvegane Publikum an. Außerdem ist die Szene eng vernetzt. Man wirbt füreinander und unterstützt sich gegenseitig. Da flattert auch einmal eine Einladung zum Rockkonzert ins Haus. Ein Punkmusiker aus den Vereinigten Staaten, Tom Delonge von Plattenmillionären Blink 182, dessen vegane Schuhfirma Macbeth ihre Produkte bei Avesu vertreibt, hat Reichel und Zimmermann gerade zu seinem Konzert ins Kesselhaus eingeladen, "da gehen wir natürlich hin". Die passenden Schuhe haben sie ja schon.

Avesu Schivelbeiner Straße 35, Prenzlauer Berg, Mo.-Fr. 11-20 Uhr, Sbd. 11-18 Uhr, vegane-schuhe-berlin.de