Ich bin ein Berliner

Im Kabinett der Gruselkönigin

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Marlit Friedland, Horror-Expertin

Die Gruselkönigin fürchtet sich. Sogar sehr. Wenn sie darüber spricht, senkt sie ihre Stimme, funkelt sinister mit den Augen und erlaubt keinen Widerspruch. "Dieses Gebäude steckt voller Energien und Geister. Wer hier nach Feierabend in einem Raum steht, fühlt sich lebendig begraben", sagt die Chefin des Berliner Gruselkabinetts im Luftschutzbunker am Anhalter Bahnhof. Deshalb vermeiden Marlit Friedland und ihre Mitarbeiter jede Begegnung mit dem Schrecken. Morgens vor Betriebsbeginn sammeln sie sich auf der Rampe des Bunkers und betreten nur gemeinsam den Betonklotz. "Niemand geht hier alleine rein, um Gottes Willen", sagt Marlit Friedland. Vielleicht erzählt sie diese Geschichte aber nur, um ihre Touristenattraktion noch etwas gruseliger zu machen. Eine Angstmacherin, die sich vor ihrem eigenen Werk fürchtet: Das klingt nach einem schönen Schauermärchen, nach E.T.A. Hoffmann, Edgar Allen Poe und Stephen King. Und nach guter PR.

Vielleicht aber ist ja doch etwas dran an diesen Energien und Geistern. Genug Geschichte hat das Gebäude jedenfalls erlebt. 12.000 Menschen fanden hier während des Zweiten Weltkriegs Schutz - und manche den Tod. Eine Ausstellung im Untergeschoss zeigt die letzten Tage der Anlage. "Etwa ein Drittel unserer Besucher kommt nur deswegen zu uns", sagt Marlit Friedland. Obwohl sie so ein Museum eigentlich nie wollte. Aber das Interesse war einfach zu groß. Zeitzeugen baten um eine Besichtigung, brachten Exponate und historische Dokumente. "Und plötzlich hatte ich da diese Ausstellung." Für die Grande Dame des Horrors kein Problem. Sie sagt: "Man muss die Geschichte dieses Gebäudes respektieren."

Weiter oben dagegen gibt es das, was sie "Amüsement" nennt: abgeschlagene Plastikköpfe, Vampire und den deutschlandweit einzigen festangestellten Erschrecker. Der Erfolg ihrer Arbeit misst sich in den Schreien ihrer Gäste. Alle zwei Minuten schallt es spitz durch die Flure, meist gefolgt von hysterischem Gelächter. Dann hat der Erschrecker wieder zugeschlagen. Er streift im Obergeschoss durch die dunkelsten Nischen des Kabinetts und gibt ein leises Grunzen von sich. Immer dann, wenn die Gäste es am wenigsten erwarten. "Wenn nicht geschrien wird, dann mach' ich mir Gedanken. Dann schick' ich auch mal jemanden hoch", sagt Marlit Friedland. Es könnte ja sein, dass die Gäste vor lauter Angst zurückschlagen, mit Regenschirmen und Handys um sich werfen. "Alles schon passiert", sagt sie.

Aber wie erklärt sich die Gruselexpertin diese Lust am Horror? Warum begeben sich die Gäste freiwillig in ihre Schreckensszenarien? "Die Leute sind zutiefst amüsiert über ihre eigene Angst, diese Urangst vor dem schwarzen Mann." Dann erzählt sie eine Anekdote. Vor ein paar Jahren habe sie Klaus Wowereit im Roten Rathaus getroffen: "Kommen Sie doch mal vorbei zum Gruseln", sagte sie zu ihm. Der Regierende antwortete nur: "Ich arbeite in der Politik, ich hab' den Grusel jeden Tag."

Marlit Friedland lebt vom Grusel und brauchte dafür Mut. Der Luftschutzbunker stand damals, 1997, "mitten in der Prärie", im Grenzgebiet zwischen West und Ost, verwaist und vergessen. "Die Besichtigung dauerte drei Minuten, dann kam mir diese Idee, wie ein Virus, wie ein Blitzschlag", sagt sie. Sie kaufte das Monstrum, das nicht viel mehr zu bieten hatte als dicke Wände. Sie ließ Strom- und Wasserleitungen verlegen, kämpfte vor Gericht um Genehmigungen und investierte eine Million Mark. Dieses Geld musste sie sich leihen. "Die Abteilungsleiterin einer Kreditabteilung antwortete auf mein Konzept, der Bunker stehe zu weit ab von der City. Wie blöd kann man sein?"

Heute, 15 Jahre später, ist das Gebiet rund um den Anhalter Bahnhof fest in Touristenhand. Potsdamer Platz, Martin-Gropius-Bau und Jüdisches Museum liegen um die Ecke. Mehr City geht nicht, das Kabinett ist ständig voll. Dennoch will Marlit Friedland verkaufen. Weil sie endlich wieder ein freies Wochenende haben will, weil sie ihren Enkelsohn in Kalifornien besuchen möchte. Eine Handvoll Interessenten gebe es, die Verhandlungen seien kompliziert. "Es muss klappen", sagt sie.