Serie: Kiez auf Kulinarisch

Auf Ess-pedition

In unserer Serie stellen Redakteure der Berliner Morgenpost die besten Küchen ihrer Viertel vor. Heute: Wedding

Wenn ich jemandem erzähle, dass ich in Wedding lebe, passiert Folgendes: Berliner schenken mir einen Blick, der zwischen Selbstgefälligkeit und ehrlichem Mitleid rangiert. Auswärtige, also Zugezogene wie ich, oder Besucher, nennen als positive Begleiterscheinung vielleicht noch den nahen Flughafen Tegel. Aber da der ja nun bald auch Geschichte sein wird, bleibt als Fazit das übrig, was ein Kollege gewöhnlich zu sagen pflegt: "Du musst es ja wissen. Ist schließlich dein Leben."

Nicht, dass er sich um meine körperliche Unversehrtheit sorgt. Es ist zwar richtig, dass ich den einzigen SEK-Einsatz meines Lebens im Wedding erlebt habe. Aber es ist entgegen aller Klischees nicht so, als ob ich in meinem Teil Weddings, der sich westlich der Müllerstraße erstreckt, ständig um mein Leben fürchten würde. Der Kollege, ein eingefleischter Wilmersdorfer, begründet seine Abkanzelung vielmehr damit, dass in Wedding nichts los sei. "Keine gescheiten Kneipen, keine gescheiten Restaurants." Von wegen. Man muss nur wissen, wo. Der Wedding schreit einem seine Vorzüge nicht entgegen. Man muss sie sich erarbeiten.

Gold im Frühstück

Das kulinarische Kiezerlebnis beginnt morgens in den eigenen vier Altbauwänden. Denn was der Weddinger im Kühlschrank haben sollte, ist "Blattgold" aus der Kameruner Straße. Seit knapp über einem Jahr rührt Adam Mikusch dort im Haus der feinen Kost seine Salatsaucen zusammen. Dieses "Blattgold", so ihr Name, gibt es in den Sorten Honig-Senf, Balsamico-Basilikum und Balsamico-Vanille. Die Saucen sind vollmundig, dabei überraschend fein und vor allem handgemacht. Selbst Fertig-Salat wird da zum Erlebnis.

Doch die Saucen taugen auch dazu, das Weddinger Frühstück, das entgegen landläufiger Meinung nicht aus einem Dosenbier besteht, aufzuwerten. Ein Spritzer Vanille-Sauce passt zum Obstsalat. Und die Käsestulle wird durch die Senf-Soße erst richtig lecker. Für extravagante Bedürfnisse hat Mikusch auch die "Superior"-Sauce mit Marillenlikör und echtem Blattgold im Programm.

Das, so beschweren sich einige Nachbarn, zeige, dass der Laden besser nach Prenzlauer Berg passe. Anderen ist die Manufaktur ziemlich egal: Der seit Jahren prophezeite Durchbruch Weddings als neue Szenegegend sei kaum spürbar, und Gentrifizierung zeige sich doch wohl beim besten Willen nicht in florierendem Salatsaucen-Handel.

Geheimtipp auf Koreanisch

Mittags gehe ich gern ins Arirang. Das Lokal nennt sich Restaurant. Feinschmecker würden es wohl als Imbiss bezeichnen. Ich schätze es einfach als Ort, an dem man gute koreanische Küche bekommt. Sicher, die mit rosa Plastikfolie bezogenen Tische mit alten Holzstühlen geben dem Arirang einen etwas provisorischen Charakter, um es diplomatisch zu formulieren. Andererseits: Selbst in München trimmen sie jetzt schon Bars mit Sperrholzplatten auf provisorisch. Vom Fachbetrieb präzise gezimmert. Da kann der Weddinger nur lachen. Die koreanische Karte ist bloß rudimentär vom Koreanischen ins Deutsche übersetzt. Man braucht ein wenig Abenteuerlust, um sich zu entscheiden. Doch die wird belohnt, etwa bei den Suppen. Wobei: Für "Hae-Mul-Doen-Jarg-Ji-Gae" wäre die Bezeichnung "Eintopf" passender. Zur roten Brühe, die noch siedend an den Tisch gebracht wird, haben die Köche Pilze, Auberginen, Baby-Oktopus und Krabben gegeben. Gut ist auch das Yok Gä Sang, ein Eintopf mit Gemüse und Rindfleisch (siehe Foto).

Für den Großteil der Speisen gilt jedoch: Man muss scharfe Gerichte mögen. Ein Pflaumentee, süß und warm, ist das beste Mittel gegen das Brennen im Mund. Die meisten Besucher freilich lassen sich davon nicht irritieren. Das Arirang hat sehr viele Stammgäste aus der koreanischen Gemeinde. Spricht vielleicht mehr für die Küche als irgendwelche angesagten Gastronomie-Auszeichnungen.

Wohlfühl-Szene

Schon etwas weiter vom Geheimtipp-Status entfernt als das Arirang ist das Restaurant "Fünf & Sechzig". Dafür hat es ein gekonntes, zwischen heimelig und stylish gekreuztes Ambiente. Das Publikum reicht von Studenten bis zu Geschäftsleuten. Meine Freunde sind immer wieder überrascht. "Dass es so was bei dir gibt!", sagen sie dann und meinen es wahrscheinlich als Kompliment.

Das Essen ist für Weddinger Verhältnisse anspruchsvoll. Szene-Gänger würden es wohl im oberen Mittelfeld einordnen. Zu empfehlen ist das Feigen-Chutney, das den gebackenen Ziegenkäse begleitet. Doch Vorsicht: Zimperliche Esser können diese Vorspeise getrost als Hauptgang empfinden. Das Schnitzel mag nicht so hauchdünn sein wie in einschlägigen Restaurants am Gendarmenmarkt. Dafür reicht manchem schon eine halbe Portion. Das "Fünf & Sechzig", das seinen Namen in Erinnerung an die alte Postleitzahl des Bezirks trägt, eignet sich auch, um einfach nur einen Wein oder eine Zigarre zu genießen. So kommt man ganz mühelos in Abendstimmung.

Unwissende verbinden mit einem solchen Abend in Wedding verqualmte Eckkneipen, in denen schales Pils und lauwarmer Futschi gescheiterte Existenzen in Fahrt bringen. Humbug.

Entspannte Bierkultur

Wer auf ein gepflegtes Bier Wert legt und dünne Industrieplörre ablehnt, steuert das Eschenbräu an. Wedding hat mit ihm einen Hort echter Bierkultur. Im Hinterhof eines Studentenwohnheims an der Triftstraße liegt die Hausbrauerei, deren Anziehungspunkt der wunderbare Biergarten unter einer alten Eiche ist. Selbst gestandene Bayern, nicht eben wohlwollend in der Beurteilung preußischer Biere, habe ich dort schon vom Weizen oder einem der Saisonsorten wie der "Hopfenblume" schwärmen hören. So lange sie es vor lauter Bierseligkeit noch konnten.

Zum Eschenbräu kann man seinen Picknick-Korb mitbringen, was den Geldbeutel schont und den entspannten Charakter des Lokals unterstreicht. Wo findet man das schon in Mitte oder Prenzlauer Berg?

Daher halte ich es mit der großen Aufschrift an einer Hauswand, an der Ecke See- und Afrikanische Straße: "Ick steh uff Wedding - dit ist meen Ding." Auch kulinarisch.