Ich bin ein Berliner

Ein Mann nimmt Maß

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Günter Adam, Schneider

Ein Rennpferd kann er nicht aus einem Ackergaul machen, sagt Günter Adam. "Ich kann nicht zaubern", sagt er. Aber einem Mann mit hängenden Schultern einen Anzug nähen, in dem er eine gute Figur macht. Das kann er. "Es gibt kein Problem", sagt Günter Adam, "das man nicht mit Nadel und Schere lösen kann." Seit 1965 zeigt Günter Adam, wie gut er das kann. Seit er sein kleines Atelier in der Charlottenburger Meinekestraße 6 eröffnet hat, in dem er Röcke und Jacken, Hosen und Blazer auf die Figur der Kundinnen und Kunden zuschneidet und näht. Damals, vor 47 Jahren, gab es gut 300 andere Maßschneider in Berlin. Günter Adam, der vor dem Mauerbau mit drei Freunden aus dem Osten getürmt war, ist nur einer von sehr vielen gewesen. Heute ist er einer der letzten seiner Zunft. Und einer der größten dazu.

"Prominenten-Schneider" wird er genannt. Dabei hat er es gar nicht so mit dem Rummel, mit Blitzlicht und Partys. Ein Schneider ist er, ein Handwerker. Mit Nadel und Faden arbeitet er an einer alten Nähmaschine. Und wenn er mit der Hand nähen muss, dann setzt er sich auf seinen Schneidertisch, schützt sich mit einem Fingerhut. In seinem Atelier ist alles ganz normal. Schick ist es, mit Kronleuchter und großem Spiegel und feinem Polstersofa.

"In einem guten Anzug kann man wohnen", sagt Günter Adam. Das klingt so einfach und ist doch so schwer. Das muss man erst mal hinbekommen. Die Reichen und Schönen, die Stars der Republik, die haben das verstanden, die haben begriffen, dass das die besondere Qualität des Schneidermeisters mit dem netten Lächeln ist, der Kleider macht, die so selbstverständlich den Körper umhüllen wie eine zweite Haut. Klaus Kinski und Harald Juhnke ließen ebenso bei ihm Nähen wie Günter Pfitzmann. In den 70er-Jahren kam die ganze ZDF-Hitparade bei ihm vorbei. Dieter-Thomas Heck vorneweg, Jürgen Marcus, Michael Holm und Toni Marshall hinterher. Max Raabe kleidet sich in Fracks und Smokings von Adam. Star-Trompeter Till Brönner lässt sich in der Meinekestraße die Abendgarderobe schneidern, Udo Lindenberg und Thomas Quasthoff tun das auch. Hollywood-Star Harvey Keitel war so angetan, dass er den Berliner Schneidermeister gleich zwei Mal zu Dreharbeiten nach Rom einfliegen ließ.

Erste Klasse fliegen. Das war schon was. "Ist mal ganz schön, so was auch kennen gelernt zu haben", sagt Adam. Umgedreht hat es ihn nicht. Er ist sich treu geblieben, ohne Hang zum Exzentrischen. Einen Führerschein hat er nicht und auch kein schickes Auto. Mit seiner Frau Beate lebt er seit Jahrzehnten in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Halensee, direkt an der Autobahn. Von dort fährt er jeden Morgen mit dem BVG-Bus den Kudamm rauf zur Arbeit. Seit 47 Jahren macht er das so. Schließt die Tür zu seinem Laden auf, legt ab und kocht sich erst mal einen Tee. 76 Jahre ist er alt. Er könnte so schön zu Hause bleiben, den Ruhestand genießen, Fernsehen, Kreuzworträtsel lösen. Er will das nicht. Er will nähen. Vor vier Jahren hatte er schon mal angekündigt, den Laden zu schließen und sich zur Ruhe zu setzen. Die Kunden fanden das nicht gut. Da hat er es gelassen. Berlin, sagt er, könnte sich in Sachen Mode noch um einiges verbessern. Selten sei es, dass er sich mal nach einer besonders eleganten Dame oder einem schicken Herren umdrehe. Schade eigentlich.

Billig ist so ein Anzug von Günter Adam natürlich nicht. Etwa 1500 Euro kostet die Kombination. "Dafür hält er mindestens zehn Jahre", sagt er. Vier Wochen arbeitet er daran, die meiste Zeit allein. Früher hatte er vier Mitarbeiter, heute bestellt er, wenn es mal zu viel wird, eine Näherin. Zwei bis drei Mal müssen die Kunden zum Abmessen und zur Anprobe kommen. Das kostet Zeit. Die Kunden entbehren sie gerne, weil sie spüren, mit wie viel Können und Leidenschaft Adam jedes Kleidungsstück näht. Einmal sollte Günter Adam sogar einen Zirkus-Affen ausstaffieren. Er sagte zu. Als er mit dem Maßband im Käfig stand, da zeigte ihm der Affe einen Vogel. Günter Adam ließ sich nicht irritieren. "Man muss ja maßnehmen", sagt er. "Man kann dem ja nicht einfach einen Lappen umhängen. Das soll ja gut aussehen." Und das tat es dann auch.