Film: Das bessere Leben

Eine verunsicherte Frau

| Lesedauer: 2 Minuten
Thomas Abeltshauser

Das bessere Leben: Juliette Binoche als Journalistin zwischen Bürgerlichkeit und Sehnsucht nach sexueller Freiheit

Sie trifft dabei auf Alicja (Joanna Kulig) und Charlotte (Anais Demoustier), die mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Unabhängigkeit so gar nicht ins Bild der ausgebeuteten Prostituierten passen.

Sie wollen sich weder als Opfer fühlen noch dazu stigmatisieren lassen, sondern mit käuflicher Liebe vor allem ihren recht kostspieligen Lebensstil finanzieren. Und Spaß macht es nebenbei ja auch! Anna dagegen ist längst etabliert, arbeitet gut bezahlt für ein Hochglanzmagazin. Doch was unterscheidet sie eigentlich von den Frauen, die ihren Körper verkaufen? Frühmorgens sitzt sie am Rechner, der Redaktionsschluss drängt und sie fragt sich: Ist das wilde Leben der Callgirls vielleicht besser als meine eigene bourgeoise Routine mit den Konflikten in der Ehe und mit den beiden Söhnen? Ist ihr sattes Dasein zu festgefahren? Hat sie sich und ihre Freiheit verkauft für ein bisschen Sicherheit? Was ist mit den eigenen Bedürfnissen? Und was treibt der Ehemann eigentlich so in seiner Freizeit?

Der Film wechselt zwischen Annas bürgerlichem Dasein mit der scheinbar unkonventionellen Existenz der Studentinnen und vermeidet dabei die Einordnung in eine erklärende Struktur mitsamt chronologischer Erzählweise und psychologischen Erläuterungen. Leicht hätte diese Sicht auf Prostitution aus geordneter Perspektive voyeuristisch oder sozialkitschig werden können, doch was in Malgoska Szumowskas Drama zunächst wie allzu simple Antworten wirkt, entpuppt sich im Laufe der Zeit als durchaus reflektierte und vor allem sensiblere Annäherung an eine kapitalistische und männlich dominierte Gesellschaft, die letztendlich auf dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage beruht. Anna findet sich in beiden Rollen wieder: als Prostituierte, die sich verkauft, und zugleich als Freierin, die für Handlungen bezahlt - in diesem Fall für Interviews. "Das bessere Leben" ist keine simplistische Generalabrechnung, dazu ist der Film zu clever und zu individualistisch. Er handelt letztlich "nur" von der Sicht einer bourgeoisen Pariserin mit all ihrer Moral und ihren Sehnsüchten.

Das eigentliche Objekt der Begierde ist freilich nicht das Duo studentischer Nutten und ihre recht freizügig gezeigten Sexakte mit Freiern, sondern das Gesicht von Juliette Binoche, das in langen Großaufnahmen zu sehen ist, wenn sie als Anna versucht, hinter das Geheimnis ihrer Gesprächspartnerinnen zu kommen - und dabei in ihrer Mimik zeigt, wie sie sich selbst findet. In diesem Gesicht spielt sich ab, was der Film nicht imstande ist zu zeigen.

Drama: D/PL 2012, 94 Min., von Malgoska Szumowska, mit Juliette Binoche, Anais Demoustier, Joanna Kulig, Louis-Do de Lencquesaing

+++--