Zwölf Stunden

Im Dorf der Fantasten

| Lesedauer: 7 Minuten
Sebastian Blottner

Auf dem Stadtgut in Buch leben rund 20 Maler, Bildhauer und Musiker. In den Ateliers entstehen Kunstwerke oder auch die mahnenden Stolpersteine auf Berlins Straßen. Ein Besuch

08:40: Aus den ehemaligen Kleintierställen dringen improvisierte Vibraphonklänge und verträumte Melodien. Hinter der Tür zu Adam Weismans Studio regt sich wieder einmal als erstes Leben auf dem ehemaligen Gutshof in Berlin Buch. Wenn er mit einem Schlegel über die glänzende Oberfläche eines Metallkastens streicht, dröhnt, knarzt und brummt es gewaltig. Das eigens für ihn zusammengeschweißte Stück ist eines der vielen Instrumente, zwischen denen der Musiker sich auf sein nächstes Konzert vorbereitet. Der Experte für zeitgenössische Musik experimentiert gern: In seinem Studio lagern neben Marimbaphonen, Kalebassen und Pauken auch Minibus-Autofedern, Bremstrommeln oder Blumentöpfe, alles Dinge, die einen tollen Sound hergeben. Er sei Frühaufsteher. Nicht Jazzer, so Weisman.

09:20: Im Gesindehaus sitzt der Bucher Bote. Seit 1993 existiert das Blatt, das in 70 Läden der Region zum Verkauf ausliegt. Kristiane Spitz betreut Redaktion, Layout, Marketing und Vertrieb in Personalunion. "Wir haben eine Auflage von rund 4000 Exemplaren und haben etwa 400 Abonnenten. Ich erwirtschafte meine eigene Stelle", sagt sie.

11:15: Im Ökogarten werden Saubohnen gesät. "Das sind einige der ersten Pflanzen, die man säen kann im Jahr", sagt Carola Pietrusky-Niane, Projektleiterin des gemeinnützigen Projektes, das den Garten bewirtschaftet. Im Mai wird dem Garten das Biosiegel der Ökokontrollstelle verliehen. Ob Tomaten, Kräuter oder Eier: Was die Fläche alles hergibt, wird ab März im Hofladen verkauft. Vorbei an Kräuterspirale und Bienenzelt geht es zu den Ställen für Hühner und Kaninchen. Nebenan trippeln indische Laufenten unermüdlich durch ihr Freilaufareal und machen ihrem Namen alle Ehre. "Das sind die einzigen, die Nacktschnecken fressen", sagt Carola Pietrusky-Niane über die Vorzüge der eigentlich recht friedlich wirkenden Enten.

11:30: "Herzlich willkommen!" Jenny Peters weiß, wie man Gäste in Empfang nimmt. Sie ist die Geschäftsführerin des kleinen Hotels "Stadtgut", das 2011 im alten Speicher eröffnete. 18 Doppelzimmer bieten einen Blick auf den Künstlerhof. "Unser Hotel ist ideal für Berlinbesucher, die ruhig wohnen, aber trotzdem schnell im Zentrum sein wollen. Außerdem kommen Künstler, Wissenschaftler und Angehörige von Patienten des Klinikums Buch zu uns."

11:50: Früher roch es in den Großtierställen sicherlich nach etwas anderem als nach Lösungsmitteln. Auf den beiden Wildschweinprofilen, die Ingolf Eschenbach als Dekoration für zwei Torflügel angefertigt hat, trocknet gerade der Lack. Star in der Metallwerkstatt ist sein elektrischer Lufthammer aus den 30er-Jahren. Ein vier Tonnen schweres Gerät, das Eschenbach vor der Verschrottung rettete, als eine Werft in Ludwigshafen dicht gemacht wurde. Der auf- und nieder wippende Hammer der urtümlichen Schmiedemaschine macht dicke Metallstücke selbst in kaltem Zustand platt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

12:45: Im Kommunikationszentrum der gemeinnützigen Albatros GmbH wird viel telefoniert. Neben dem Ökogarten wird dort ein vielfältiges Kursangebot koordiniert. "Wir unterstützen Menschen mit gesundheitlichen oder psychosozialen Problemen. Ungefähr 950 Hilfebedürftige kommen monatlich zu uns", sagt die Leiterin des Selbsthilfezentrums, Helma Keding. Hier lernen Menschen mit Krebs, Alkoholismus, Schlaganfall oder Depressionen umzugehen oder halten sich mit Yoga und Gymnastik fit.

15:00: Isabel Worde wischt Kaffemaschine und Zapfhähne blank. Im Restaurant in der umgebauten Scheune beginnt jetzt der Betrieb, für den Nachmittag hat sich bereits eine größere Gesellschaft angekündigt.

16:10: Feierabend dagegen hat Ronald Thormann. Er hakt das Gitter vor die Ladefläche seines Kleinlasters, mit dem er gleich nach Hause fährt. "Morgen besorge ich Holz für ein Osterfeuer", sagt der Hausmeister des Stadtgutes. Für ihn fallen die unterschiedlichsten Aufgaben an. Mal muss eine Veranstaltung in der Scheune mit 500 Plätzen bestuhlt, mal ein spontaner Wochenendeinsatz eingelegt werden. Auf dem Gut ist immer Betrieb. "Heute war die WC-Reinigung dran, da weiß ich wieder, wie schön das Wochenende ist", sagt Thormann.

17:25: Michael Friedrichs-Friedländer setzt sich seine Ohrenschützer auf und stanzt mit einem kräftigen Hieb auf den Handschlagstempel einen ersten Buchstaben in die Messingplatte. Die Ergebnisse seiner Arbeit kennt jeder Berliner: Es sind die golden glänzenden Stolpersteine, die auf den Straßen der Stadt an deportierte und ermordete Juden und andere Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Jeder Stolperstein ist ein Stück Handarbeit. 4000 Stück stellt Friedrichs-Friedländer davon jährlich her. Schon 34.000 Stolpersteine sind in ganz Europa verlegt worden. "Seit sechs Jahren komme ich zu nichts anderem mehr", sagt der gelernte Schlosser und Bildhauer. Ist der Text gestempelt, werden die Ecken der Messingplatte ausgeklinkt, die Kanten umgebördelt und in Beton gegossen. So entstehen die zwei Kilogramm schweren Würfel, die im Straßenpflaster verlegt werden können.

18:30: In der Souterrain-Küche von Martin Wessel im Restaurant Künstlerhof gibt es reichlich zu tun. Er und seine Kollegin Daniela Kofalck regeln mit Hochdruck die Bewirtung des Abends. "Es gab 18 Reservierungen à la carte, dazu eine Hochzeitsgesellschaft", sagt der Küchenchef. Wessel lässt sich aber nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Bei ihm sind schon ganz andere Menschenmengen satt geworden. Bis zu Tausend Gäste hat er von seiner Küche aus versorgt, als im Sommer Hunderte in den Biergarten oder zu Firmenfeiern auf dem Hof gekommen waren. Lang wird dieser Tag allerdings auch mit wenigen Gästen: "Heute geht es für mich bestimmt bis tief in die Nacht."

19:35: Dieter Krämer kommt mit einer langen Holzstange aus seinem Atelier und nimmt Kurs auf den Taubenturm gegenüber. Die Fahnen an der kleinen Galerie haben sich im Wind aufgewickelt. Dieter Krämer will das mal entflechten. Unten hängen Dieter Krämers Papierarbeiten neben den Werken der Künstlerkollegin Hella Horstmeier. In Krämers Atelier riecht es süßlich nach dem Vanilletabak, den er bevorzugt. Zwischen Leinwänden, Farbtöpfen und Kaffeeküche haben sich er und sein Ateliermitbewohner Thomas Runge behaglich eingerichtet. Schließlich verbringen sie den Großteil ihrer Lebenszeit in diesen Räumen. Dutzende Pinsel hängen fein säuberlich kopfüber an den sogenannten Malwägen. "Diese Vorrichtung habe ich mir vor 40 Jahren selbst gebaut. Auf diese Weise gehen die Pinsel nicht so schnell kaputt", sagt Krämer. Mindestens einmal in der Woche übernachtet er sogar an seinem Arbeitsplatz. Das Stadtgut ist ja kein Büro. Auf dem Stadtgut ist das völlig normal.