Ich bin ein Berliner

Mit Händen sehen

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Jessica, blinde Mutter

Mit großen blauen Augen schaut Henrik in die Welt. Er ist 14 Wochen alt und strahlt seine Mutter an. Jessica lächelt zurück, beugt sich über ihren Sohn, tastet nach seinem Gesicht, hört auf sein Glucksen und singt ihm ein Lied. "Bisher läuft alles wunderbar", sagt die 29-Jährige. Warum sollte es auch nicht wunderbar laufen? Die junge Frau ist blind - und auch ohne fremde Hilfe funktioniere ihr Alltag mit dem Baby, daran lässt sie keinen Zweifel. Vor der Geburt hat ihr die Hebamme ein Kompliment gemacht: Handgriffe, die sie als Mutter beherrschen muss, habe sie viel schneller, viel besser gelernt als sehende Schwangere. Weil sie sich schon immer auf ihre Hände verlassen musste, auf ihren Tastsinn und darauf, dass auch komplizierte Bewegungen auf Anhieb sitzen.

Hier, in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Steglitz, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann bewohnt, hat sie ohnehin alles unter Kontrolle. Die Diplom-Sozialpädagogin kennt ihre Wege und weiß, wo sie was abgelegt hat. Es ist ein perfekt organisierter Alltag, in den Henrik hineingeboren wurde. Ein Alltag, der sich kaum von anderen Familien unterscheidet. Über dem Sofa hängt ein Michelangelo-Kunstdruck, daneben steht der Flachbild-Fernseher und etwas weiter ein Computer. Nur die Kanten des Schreibtisches, der etwas in den Raum hineinragt, sind sicherheitshalber mit blauem Schaumstoff abgeklebt. Um kleine Stöße abzufedern. Dass seine Mutter ihn nicht sehen kann, das merkt der Säugling längst noch nicht. Natürlich werden sich diese Zeiten ändern. Spätestens dann, wenn Henrik laufen lernt. Wenn er sich in einer Welt bewegt, die seine Mutter nicht kennt, die sie sich erst ertasten muss. "Auf dem Spielplatz bräuchte ich dann schon ein wachsames Auge. Oder wenn er sich ein Bilderbuch angucken will, dann wird's problematisch", sagt Jessica.

Ihre Probleme dürften nicht viele Menschen in Deutschland teilen. Jessica tauscht sich im Internet mit anderen blinden Müttern aus, 64 haben sich in eine E-Mail-Liste eingetragen. Wie aussagekräftig diese Zahl ist, weiß Jessica nicht. Denn Blinde werden in Deutschland aus Datenschutzgründen nicht erfasst, nur anhand einer Hochrechnung von DDR-Statistiken schätzt der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband ihre Zahl auf bundesweit 155 000, in Berlin leben etwa 5000 bis 6000 Blinde. Die meisten von ihnen sind Altersblinde, die wenigsten im geburtsfähigen Alter, und nur ein Bruchteil wagt eine Schwangerschaft. "Andere haben das auch geschafft. Es war eine ganz bewusste Entscheidung", sagt Jessica.

Eigentlich hatte sich Jessica schon abgefunden mir ihrer Behinderung. "Um einen Frühlingstag wahrzunehmen, muss man nicht sehen können. Ich spüre die Sonne auf der Haut und rieche den Blütenduft", sagt sie. Auch Schönheit und Attraktivität erfasse sie: "Man kann an einem Händedruck sehr viel von einem Menschen ablesen. Dazu die Stimme, die Berührung - das ergibt ein umfassendes Bild." Trotzdem: Henriks Geburt machte ihr den fehlenden Sinn schlagartig aufs Neue bewusst. "Ich wüsste schon gerne, was mein Kind gerade mit den Augen fixiert", sagt sie. Noch ist die junge Mutter mit Stillen und Windelnwechseln beschäftigt. Dafür braucht es keinen Sehsinn, nur ein gutes System, ein gutes Erinnerungsvermögen und manchmal ein wenig Überwindung: "Sicherlich muss ich im wahrsten Sinne des Wortes auch mal in die Scheiße fassen, aber es ist ja mein Kind. Ich weiß ja, von wem's kommt", sagt Jessica.

Für weitere Kleinigkeiten gibt es Hilfsmittel, etwa ein Gerät, mit dem sie den Strichcode von Lebensmitteln einliest, um dann von einer Roboterstimme den Namen des Produkt angesagt zu bekommen. Oder ein Scanner, der die Farbe eines Kleidungsstückes angibt. Sobald Henrik dann Babynahrung bekommt, ist Jessica auf ein wenig Mithilfe ihres Sohnes angewiesen: "Früher oder später wird er lernen, dass nicht ich den Löffel zum Mund führen kann, sondern er auf den Löffel zugehen muss." Nur in einer Sache musste sie ihre alten Gewohnheiten ändern: Bislang lebte sie in Dunkelheit, wenn sie allein war. Für ihr Kind muss sie sich stets daran erinnern, das Licht einzuschalten.