Film: Take Shelter - Ein Sturm zieht auf

Der Kampf im eigenen Kopf

Am Anfang steht ein Kompliment. Curtis (Michael Shannon) erhält es von seinem Kollegen Dewart (Shea Whigham), als sie biertrinkenderweise vor dessen Zuhause noch im Auto verharren. "Du hast ein gutes Leben", sagt Dewart, der sehr viel mehr getrunken hat als Curtis.

In der umständlichen Umgangssprache, die manchmal viel genauer ist als direktes Formulieren, erklärt er weiter, was er meint.

Es sei das Beste, das man einem Mann sagen könnte, denn wer Curtis' Leben anschaue, müsse zu dem Schluss kommen, dass es ein gutes sei und dass folglich, er, Curtis, etwas richtig mache. Es sei nicht immer einfach, versucht Curtis abzuschwächen. Das wisse er doch, entgegnet Dewart.

Einen Einblick in dieses "gute Leben", von dem Dewart spricht, hat der Kinozuschauer da schon bekommen: "Take Shelter" beginnt mit der Schilderung eines Tagesablaufs von Curtis, vom gemeinsamen Frühstück mit Frau und Tochter über die Arbeit beim Straßenbau bis eben zum Feierabendbier mit Dewart. Es ist nicht ganz die übliche Szenenmontage, die in warmen Farben ein Familienglück vorstellt, von dessen Gefährdung der folgende Film dann zwangsläufig handelt.

Hindernisse, Schwierigkeiten und sich abzeichnende Gefahren gehören vielmehr für Curtis zum täglichen Brot. Seine kleine Tochter ist taubstumm, und so sachlich und gewohnheitsmäßig er und seine Frau Samantha (eine der Shooting Stars des vergangenen Filmjahrs: Jessica Chastain) damit umgehen, so groß ist doch die Belastung für einen einfachen Bauarbeiter wie Curtis, sowohl, was sein Lohn- als auch was sein Zeitbudget angeht. Da gilt es Kurse zu besuchen, Elterntermine wahrzunehmen und immer wieder Rechnungen zu begleichen. Samantha verdient durch Schneiderei dazu, aber die große Selbstdisziplin, die es braucht, um über die Runden zu kommen, merkt man den beiden Ehegatten schon in diesen ersten Szenen an.

Selten hat man im Kino das Leben der unteren Mittelschicht in den USA genauer beschrieben gesehen als in diesem Independent-Film. Curtis und seine kleine Familie sind ohne Absicherung, ein Unfall, ein Jobverlust können schon bald den Abstieg in die Obdachlosigkeit bringen. Aber "Take Shelter" ist trotzdem alles andere als ein Sozialdrama.

Der eigentliche Kampf nämlich, so entfaltet der Film ganz allmählich, findet nicht in Curtis' sozialem Umfeld, sondern in seinem Kopf statt. Zu den genannten Gefährdungen, die sein Leben umkreisen, kommt nämlich noch eine dazu: Curtis' Mutter litt an Schizophrenie und er selbst weiß, dass die Disposition dazu vererbbar ist.

Als er nachts von Alpträumen heimgesucht wird und ihm tagsüber die Wolken am Himmel düsterer und die Vögelschwärme aufgeregter als normal erscheinen, tut er deshalb zwei Dinge: Er baut mit paranoidem Eifer und bald viel Heimlichkeiten den Sturmschutzkeller in seinem Garten aus. Und er geht zum Therapeuten. Es ist diese "Bi-Polarität", die "Take Shelter" zu so großer Spannung verhilft, gerade weil der Zuschauer sie gut nachvollziehen kann. Selbst wenn Curtis verrückt sein sollte, heißt das nicht, dass die von ihm gefürchtete Sturmkatastrophe nicht doch eintreffen könnte.

Drama: USA 2011, 120 Min., von Jeff Nichols, mit Michael Shannon, Shea Whigham, Jessica Chastain

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