Berliner Perlen

Rhythmus der Straße

"Big Brobot" ist einer dieser "Concept Stores" mit einem Mix von Produkten, die es so nur hier gibt. Das Konzept allerdings verstehen so richtig nur die Kenner und Macher einer Szene zwischen HipHop, Comic Art und Skater Kultur.

In den Schaufenstern hängen Designer-T-Shirts und Boxershorts, auf denen gezeichnete Zitronen oder Toasts auf dürren Beinen spazieren. Im Geschäft ist eine sachkundig zusammen getragene Kunstbuch- und Comicsammlung aufgebaut. Dazwischen stehen Taschen, Schuhe, Mitbringsel und eine Centurie von Robotern aus Blech, Kunststoff oder Holz. Manche der kleinen Androiden kann man aufziehen, andere spritzen Wasser, einige leuchten. Schon der Name des Geschäfts zeugt von der Roboterleidenschaft des Chefs Lars Niebuhr. "Brobot" setzt sich zusammen aus "Bro", dem Slangwort für "Brother", und "Roboter". Das lächelnde Roboter-Logo über der Ladentür stammt aus Niebuhrs Feder.

Bloß keinen Mainstream

Grafikdesigner Niebuhr öffnete den Laden im September 2004, zusammen mit Kaufmann Ulf Rating. "Das Konzept des Big Brobot ist, den Leuten zu zeigen, dass Menschen, die Comics zeichnen, T-Shirts bedrucken, Bücher machen, Figuren gestalten oder diese Mode designen eine gemeinsame Idee haben: die urbane Subkultur", sagt der 39-Jährige.

Lars Niebuhr hat ein sicheres Gespür für alles, was nicht Mainstream ist. "Meine Wurzeln habe ich im Graffiti", sagt er. "Später bin zur Grafik gewechselt." Wer in den Kunstbänden des Brobot blättert, die meist von deutschen und angelsächsischen Independentverlagen stammen, kann die knallbunten Acrylbilder Niebuhrs aus seiner Zeit in Hongkong entdecken. Abseits der Bücher allerdings ist seine Kunst im Big Brobot nicht zu haben. Da ist der Kieler bescheiden.

Die Atomsphäre im Laden ist entspannt. Stilecht dringt HipHop aus den Boxen. Kunden werden grundsätzlich geduzt. Die weißen Papiertüten mit dem Firmenlogo sind ausnahmslos Unikate: Sie werden per Hand gestempelt.

Eine junge Punkerin betritt das Geschäft. Ihre beiden Hunde sollen mitkommen. "Solange die nix anknabbern, ist mir das egal", sagt der Chef. Locker nimmt er es auch mit den morgendlichen Öffnungszeiten. "Manchmal wird es halt ein paar Minuten später, aber wen kümmert's?", sagt er gelassen.

An Kundschaft mangelt es dennoch nicht. "Zu uns kommen Touristen, außerdem natürlich die Leute aus dem Kiez, viele junge Eltern und Studenten", sagt Niebuhr. Was verbindet die Menschen, die hier Stoffpuppen mit mexikanischen Wrestling-Motiven kaufen, die auffälligen, weil irgendwie verunglückt wirkenden "ugly dolls" aus rosa Fleece mit Glubschaugen fürs Kleinkind im Buggy, oder aufwendige Kunstbände? "Berlin selbst hält sie zusammen und treibt sie vorwärts", sagt Niebuhr. "Etliche machen selbst Graffiti, Kunst, Street Art oder Mode. Manche studieren. Andere kommen aus der Skater-Szene. Der nächste schaut wegen der Tattoo- und Graffiti-Bücher herein, auf der Suche nach neuen Motiven, die er in seinem Studio stechen kann." Ein Geschäft als Inspirationsquelle.

An den Kleiderbügeln hängen auch Berliner Marken. Das Kreuzberger Label Iriedaily zählt dazu. Deren Sweater erinnern bisweilen an gebrauchte Schlafanzugoberteile der 80er-Jahre. Daneben finden Kunden moderne Softshell-Jacken der gleichen Firma und deren leicht und klassisch wirkende Wachsjoppen.

Die Zusammenstellung der Mode bei Big Brobot hinterlässt szene-fremde Kunden verwirrt. Denn auf einen Stilnenner lässt sich das Angebot - mal überdeutlich aus synthetischen Stoffen hergestellt, mal kunstvoll gewoben - nicht bringen.

Die Stammklientel dagegen honoriert den eigenwilligen Mix des Geschäfts. Sie erkennt die Zeichen, Anspielungen und Zusammenhänge der Subkulturen an den Designs und Symbolen. Wenn bei jungen Skatern oder Sprayern beispielsweise die Boxershorts oben eine Hand breit aus der Hose lugen, muss das kein Zeichen fehlender Bekleidungskultur sein. Denn der Bund der Wäsche ist bedruckt und zeigt anderen Insidern, welchen Comic-Stil der Träger favorisiert. Kommunikation via Unterhose.

Gorilla in der Brust

Und wer sich etwa das T-Shirt mit einem weißen Gorilla kauft, der aus der Brust auszubrechen scheint, erkennt hinter dem Motiv dessen Schöpfer, den Londoner James Jarvis. Eine kleine Wissenschaft. Schwer zugänglich, wie sich das für jede ernst zu nehmende Jugendkultur gehört. Wer da gleich mal etwas mehr über Jarvis erfahren will, kann im hinteren Teil des Ladens in einer 60er-Jahre-Sitzecke Platz nehmen und in Kunstbänden über den Designer lesen.

Die mal retro, mal dezent, mal sportlich wirkende Kleidung, die Niebuhr und Rating anbieten, kommt aus New York, London und Berlin. Hier die braven US-College-Jacken aus Baumwolle, im Stil der 50er-Jahre. Dort der Berliner Gegenentwurf: ein grauer Softshell-Windbreaker mit neongrünen Zippern. Kein Zweifel: Der ursprünglich aus den schwarzen Vierteln der USA stammenden Kultur, der Mode, dem Skaten, dem Sprayen hat Berlin seine eigene Note hinzugefügt.

Big Brobot Kopernikusstraße 19, Friedrichshain, Tel. 74 07 83 88, Montag bis Freitag 11-20 Uhr, Sonnabend 11-18 Uhr, bigbrobot.com . Der Art-Blog von Lars Niebuhr ist im Internet unter dcidenow.blogspot.com zu finden