Bühnencheck

Spekulanten und Machtmenschen

Eigentlich hat Madame de Chepy den Philosophen und Literaten Denis Diderot in ihren Pariser Salon eingeladen, damit er für ihr Privattheater ein Stück schreibt. Stattdessen scheucht er die Diener herum, hält Hof und widmet sich den Problemen zahlreicher Bittsteller. Der Ränkeschmied Diderot ist allen nur zu gern behilflich, mischt sich heftigst ein und ist in der Wahl seiner Mittel nicht gerade zimperlich, was die Salongesellschaft prompt gegen ihn aufbringt.

"Ist er gut? Ist er böse? (Der Menschenfreund)" fragt die Komödie von Hans Magnus Enzensberger nach Denis Diderot, die im Theaterforum Kreuzberg Premiere feierte. 1984 hat Enzensberger Diderots fast vergessenes Stück aus dem Jahr 1775 ausgegraben, neu übersetzt und durch seine sehr freie Bearbeitung aktuell aufgepeppt: Er hat das hausbackene Personal kurzerhand durch andere Figuren Diderots ersetzt und den Text mit so vielen gewitzten Aperçus gespickt, dass man sich kaum das Grinsen verkneifen kann. Vor allem die zwielichtigen Tricksereien um Scheingeschäfte, Bankbürgschaften und geplatzte Wechsel ernten angesichts der gegenwärtigen Parallelen Hohngelächter.

Nur die Handlungsarmut konnte Enzensberger dem Stück mit der Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie nicht austreiben. Doch hier zeigt sich die Meisterschaft von Regisseurin Anemone Poland: Jeder einzelne Auftritt gerät zu einer Show für sich. Die phänomenalen Kostüme schuf Gertraud Wahl-Deschan.

Zwischen all den exaltierten, vom Ensemble herrlich ironisch gespielten Adligen, Spekulanten und Machtmenschen entwickelt sich ganz nebenbei ein intellektuelles Duell zwischen Diderot (großartig schillernd: Thilo Herrmann) und dem Diener Jacques (David Hannak). Er durchschaut die Schamlosigkeit, mit der Diderot die eitle Gesellschaft demaskiert. Ein geistreicher Spaß.

Theaterforum Kreuzberg Eisenbahnstr. 21, Kreuzberg, Tel. 70 07 17 10, Vorstellungen bis 1. April, freitags und sonnabends 20 Uhr, Karten kosten 16, ermäßigt 9 Euro