Berliner Perlen

Nie wieder oben ohne

Die Türglocke zum bunten Hut-Salon schellt. Silvio Fischer-Hörold hat Partnerin und Kind mitgebracht. Er trägt einen Ballen Stoff unter dem Arm. Aus dem changierend braunen Tuch von der Brautmesse wird Fischer-Hörold seinen Hochzeitanzug schneidern lassen. Was jetzt noch fehlt, ist der passende Zylinder. Den soll Susanne Gäbel, Chefin und Hutmacherin des Hut-Salons, anfertigen.

"Das muss ein perfekter Tag werden", sagt der Mann in Seemannspullover und Stahlkappenschuhen. "Da muss auch der Zylinder farblich stimmen." Und der Bräutigam zur Braut. Und die ist ein bisschen größer.

Also nimmt Hutmacherin Gäbel Maß zur Einzelanfertigung, damit das Paar auf den Bildern auf gleiche Höhe kommt. Seit der europäische Hochadel im vergangenen Jahr vor Altäre und Kameras schritt, boomt auch in Berlin der Hochzeits-Hut. "Denn nur mit einem Hut ist man vollständig angezogen", sagt Susanne Gäbel. Das gelte nicht nur für die Trauung.

Weiche Holzköpfe

Susanne Gäbel bietet in ihren zwei Hut-Läden an der Mommsenstraße Tragbares für Herren und Damen. Die Frühlingskollektion besteht aus luftigen Stroh- und Sisalkreationen. Gäbel bringt mit Federn, Netzen oder Stickereien Farbtupfer in die Stadt. Weiß, Pink und Magenta bestimmen Damenhüte und Haarreifen. Dekoriert wird floral oder mit Spitze. "Ich liebe diese Handarbeiten", sagt Gäbel.

Man kann ihr dabei zuschauen, denn der Ausstellungsraum geht nahtlos über in die kleine Werkstatt. Dort liegen die weichen "Holzköpfe", auf die Hut-Rohlinge gespannt und mit Nadeln fixiert werden. Holzkästen und -laden, unter Dampf stehende Spanngeräte und Instrumentarium aus den 50er-Jahren gewähren einen Blick zurück in eine Zeit, in der Modisten (für Sie) und Hutmacher (für Ihn) noch nicht zu den seltenen Handwerkern gehörten.

Susanne Gäbel verwendet nicht nur Werkzeug und Technik von einst. Auch die Entwürfe der 20er- bis 50er-Jahre haben es ihr angetan. Manche Kunden kommen mit einem alten Hut und bestellen genau dieses Modell. "Zufrieden bin ich, wenn Kunden gefragt werden, wo sie denn diesen Hut her haben", sagt Susanne Gäbel.

Ihre Handwerkskunst und Kreativität haben der geborenen Niedersächsin, die seit 1998 den Hutsalon führt, Aufträge bei Film und Bühne eingebracht. Sie stattete den Film "Das Weiße Band" und Produktionen von New Yorks Metropolitan Opera aus. Ihre Hüte sind im Adlon zu sehen und werden von britischen Kundinnen für die legendäre Hut-Show auf dem Rennplatz von Ascot geordert. Viele Stücke fertigt Gäbel selbst. Herrenmodelle kosten ab 200 Euro, Damenmodelle sind teurer.

Bei ihrem Faible für Klassik und Tradition kommt die Frühlingskollektion erstaunlich flott daher. Die wirkt floral und verspielt. Ist der Hut extravagant, rät Susanne Gäbel zum farblichen Purismus: "Maximal drei Farben im ganzen Outfit, und der Hut muss zu den Schuhen passen." Gäbel rät dazu, Kleider zur Hutwahl mitzubringen. "Ist das Kleid doll, muss der Hut dezent sein, vielleicht ein Schiffchen, das nur eine Seite deckt."

Und bei Herren? Kleineren Köpfen oder kleineren, untersetzten Männern stünden Hüte mit einer "Bogart-Form", sagt Susanne Gäbel. Das strecke. Großen Menschen rät die Expertin zu flachem Kopfteil oder großer Krempe. Beides allerdings erfordere schon ein bisschen Courage. Gibt es den typischen Hutträger? "Männer ohne Haare!", scherzt Gäbel. "In der warmen Jahreszeit raten Ärzte zu einer Kopfbedeckung. Und wenn es eleganter sein soll als ein Basecap, wird es eben ein Hut."

Florentinerstroh à la Hemingway

Überhaupt: Ein bisschen eleganter dürfte es nach Meinung der Hutmacherin in Berlin schon zugehen. "Aber viele Kundinnen sagen: 'Ich möchte ja gern einen Hut tragen, aber ich traue mich nicht'. Ab Mitte dreißig aber seien dann deren finanzielle Ausstattung und das Selbstbewusstsein bereit, sagt Susanne Gäbel. Im Hutladen zu beraten, heiße also immer auch, Mut zum Hut anzubieten.

Bis in die 60er-Jahre war das anders. Da fiel auf, wer ohne Hut den Kurfürstendamm entlang lief. Dass das heute nicht mehr so ist, begründet Susanne Gäbel so: "Das Auto ist der Tod des Huts." Daneben habe im neuen Selbstverständnis von Frauen ein Hut lange keinen Platz mehr gehabt. Heute dagegen trügen gerade selbstbewusste Frauen wieder Hut, sagt Susanne Gäbel. "Schau her, hier bin ich, und ich bin besonders", vermittele dies.

Im Herren-Hut-Laden fallen Schiebermützen auf. In Wolle, Filz oder Leder, mal einfarbig, mal im Karolook sind sie eine dezente Vorstufe zum Hut. Ist der Mut aber erst einmal gefunden, kann der Kunde unter markanten Modellen mit guten Referenzen wählen: Helle Flechtwerke aus Florentinerstroh etwa, wie sie Ernest Hemingway trug. Der anthrazitfarbene Haarfilz mit braunem Samtband dagegen erinnert an Humphrey Bogart, breitkrempige Safari-Modelle an Robert Redford.

Wer sich an jüngeren Idolen orientiert, findet dezente Roger-Cicero-Varianten. "Es gibt Herren, die kommen in den Laden und fragen gezielt nach einem Hut, den sie in einem Filmklassiker gesehen haben", sagt Susanne Gäbel. Mit einem Hut leiht man sich eben ein Stück des Glamours von einst.

Salon - Hüte und Accessoires Damen: Bleibtreustr. 40, Eingang Mommsenstr., Charlbg. Herren: Mommsenstr. 2, Mo.-Fr. 11-18.30 Uhr, Sbd. 11-16 Uhr, Tel. 88 67 64 92. hut-salon.de