Ich bin ein Berliner

Im Atelier des guten Tons

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Daniel Kogge, Geigenbauer

Der Patient ist klinisch tot. Kein Ton dringt aus dem Körper, der Hals ist übel verrenkt, in der Decke klafft ein offener Bruch. "Ein Autounfall", sagt Daniel Kogge und ist etwas unschlüssig, ob die Müllhalde nicht doch der bessere Ort wäre. Jetzt aber liegt das Instrument auf seinem Schreibtisch und wartet auf die Rettung. Manchmal ist er eben auch der Mann fürs Grobe. Dann geht es nicht um akustische Feineinstellungen oder die Vorbereitung auf klimatische Extreme. Sondern einfach nur darum, eine Geige wiederzubeleben. "Da gibt's schon schlimme Sachen", sagt der 47-Jährige, der immer auch ein wenig mitleidet, wenn Kunden mit ihren Holzkadavern sein Charlottenburger Atelier betreten - und nicht weniger als ein Wunder erwarten.

Aus dem Fundus des gebürtigen Berliners und seines Kollegen Yves Gateau könnten sich gleich mehrere Streichorchester mit Instrumenten eindecken: An die 200 Violinen, Celli und Bratschen hängen in dem Altbau. In einem deckenhohen Regal stapeln sich die Tonhölzer, das Ausgangsmaterial ihres Handwerks, vor allem Fichte und Ahorn. An den Fenstern stehen zwei Werkbänke. Hier untersuchen die beiden Geigenbaumeister ihre Auftragsarbeiten, klopfen den Korpus auf Risse ab, befreien das Instrument von Schmutz, justieren den Stimmstock. Zumeist aber beginnt die eigentliche Arbeit ein Zimmer weiter. In einem kleinen Salon empfängt Daniel Kogge seine Kunden und wird zum Therapeuten: wenn Berufsmusiker etwa über vermeintlich quietschende E-Saiten klagen, nasale Klänge entdeckt haben wollen oder schlichtweg unzufrieden sind mit ihrer Geige. Ein mechanisches Problem zu lösen, fällt Kogge nicht schwer. Die größere Herausforderung ist dann schon eher, den Künstler zu verstehen und eine gemeinsame Sprache zu finden. "Das ist der Reiz dieses Berufs: diese Kombination aus Handwerk und Kunst und vor allem die Kommunikation mit dem Musiker", sagt er.

Dabei ist der Zenit seiner Handwerkskunst längst überschritten. Antonio Stradivari, Geigenbaumeister in der lombardischen Stadt Cremona, schuf Anfang des 18. Jahrhunderts das Instrument, an dem sich Menschen wie Daniel Kogge bis heute abarbeiten. "Die Stradivari ist nach wie vor das Idealbild einer Geige", sagt er. Ihr Nachbau boomt, schon seit Jahrzehnten. Denn die Originale dürften für die meisten Künstler kaum erschwinglich sein. Vorläufiger Höhepunkt der Preisspirale: Für mehr als elf Millionen Euro wechselte im Sommer 2011 eine Stradivari von 1721 beim Auktionshaus Tarisio den Eigentümer. Nicht unbedingt, um weiterhin darauf zu spielen. Schon eher als exotische Wertanlage. Aber macht nun eine solche Geige die bessere Musik? "Jeder Musiker ist auf der Suche nach einem Instrument, auf dem er sich perfekt ausdrücken kann", sagt Kogge. Das müsse nicht notwendigerweise eine sündhaft teure Antiquität sein. Mittlerweile sei eine Kopie vom Original für den Laien kaum noch zu unterscheiden, weder klanglich noch optisch. "Ein Musiker will eben oft nicht mit einem neuen Instrument erkannt werden. Da braucht es schon sehr viel Selbstbewusstsein, mit einer krachend neu aussehenden Geige ins Orchester zu kommen", sagt Geigenfachmann Daniel Kogge.

Wenn es dann doch einmal ein Geigen-Neubau sein soll, braucht Daniel Kogge acht bis zehn Wochen für die Fertigung. "Mancher Kollege stapft tatsächlich durch den Wald und schlägt mit einem Hämmerchen die Fichten an, um das perfekte Holz zu finden", sagt Kogge. Es soll auch Geigenbauer geben, die in einem Kneipentisch oder einer Kirchenbank den optimalen Werkstoff sehen. Zumindest erzählt man sich diese Anekdote in Fachkreisen. Derart extravagant geht es im Charlottenburger Atelier selten zu. Immerhin schaut ab und an die Prominenz vorbei. Zum Beispiel David Garrett. "Ein unglaublicher Kenner. Der kommt hier in die Werkstatt, sieht im Abstand von fünf Metern ein antikes Instrument und erkennt seinen Schöpfer", sagt Kogge. Und selbst dieser Virtuose soll schon in eine 300 Jahre alte Geige gestürzt sein. Um den Nachschub an Kleinholz muss sich Daniel Kogge also wohl kaum sorgen.