Horrmanns Gourmetspitzen

Kein zweites Borchardt

Ganz fraglos war ich schon sehr erstaunt, was aus dem ehemaligen italienischen Szene-Restaurant San Nicci geworden ist: eine rustikale Gastwirtschaft mit groben und kunterbunt zusammen gewürfelten Holzstühlen, mit Holztischen ohne Tischwäsche.

Ein Ambiente wie die Mischung aus einem von draußen ins Haus hinein geholten Biergarten und einem in die Jahre gekommenen Studentenkeller. Das ist ganz gewollt der Rahmen für eine bürgerliche Küche mit der Richtungsanzeige "Kulinarische Reise durch deutsche Lande." Und das soll der Name Fritz, kombiniert mit der Hausnummer "101" ebenso signalisieren.

Grandioser Blödsinn

Ich hatte gelesen, das Borchardt bekomme einen Ableger. Ein Borchardt II. Was für ein grandioser Blödsinn. Das Borchardt liebe ich, doch dieses Restaurant hat mit der Konzeption, mit der Küche, mit der Atmosphäre wahrlich nichts gemein, auch nicht entfernt, und soll wunschgemäß eine völlig andere Klientel ansprechen.

Das Positive vorweg: Das im Haus gebackene Krustenbrot ist fabelhaft, die Butter- und Aufstrich-Variationen gehen in Ordnung. Die Preise sind sehr günstig kalkuliert. Damit kann die Abteilung "Positive Eindrücke" erst einmal geschlossen werden. Die Hochzeitssuppe zum Beispiel, Kraftbrühe mit Pfannkuchenstreifen, Grießnockerln, Markklößchen und Schnittlauch klang eigentlich richtig gut. Sie ist tatsächlich aber nur fettig und völlig geschmacksneutral. Das kann ein Koch wahrlich besser machen.

Bis auf den Badischen Flammkuchen und ein paar Berliner Elemente muss man zurzeit noch alles durch die weißblaue Brille sehen. Alles ist bayerisch ausgerichtet. Das soll sich in nächster Zeit aber noch ändern und mit Spezialitäten aus allen Teilen unseres Landes ergänzt werden.

Im Augenblick gibt es in diesem neuen Restaurant ab zehn Uhr morgens Münchner Weißwürste und ofenfrischen Leberkäse. Später dann, zur Vesperzeit, gibt es hausgemachten Obazda (Frischkäse mit Aromen), Wurstsalat, Presssack, Kalbfleischpflanzerl, Bratensülze und dergleichen. Mit Radieschen, Mett, Gurke und Schinken kombiniert, ist die ganze Palette als Vesper-Platte im Angebot (klein zwölf Euro, groß 24 Euro).

Ich probierte das Backhendl vom Stubenkücken, in Brust, Keule und Flügel zerlegt, in Ei gewendet und paniert. Das war handwerklich gut gemacht, musste allerdings kräftig nachgewürzt werden. Das galt auch für die Beilagen: den Kartoffelsalat und die Remouladensauce. Eine Notiz, die übrigens nahezu für alle Speisen galt.

Man pflegt so flott zu sagen, wenn der Koch verliebt ist, versalze er die Gerichte. Vielleicht muss Roland Mary, der Erfolgs-Gastronom, nachhelfen. Dieser Küchencrew scheinen Gewürze fremd. Fehlendes Salz mag auf Liebesentzug hindeuten. Ich bin aber überzeugt, dass sich das noch einspielen wird.

Was bieten Fritz und Co. sonst noch? Ein kleines preiswertes Tagesmenü zum Beispiel. Am Tag unseres Besuchs waren Rinderfiletspitzen in grober Senfsauce der Hauptgang. Natürlich ist das unentbehrliche Wiener Schnitzel, das im Borchardt von allen Gerichten am besten läuft, in einer Version (in Limonenbutter gebraten) auch hier auf der Karte. Ebenso die Kalbsleber mit der üblichen Begleitung von Apfelspalten, Röstzwiebeln und Kartoffelpüree. Leider hießen die Zwiebelringe nur auf der Karte so, sie waren nicht kross ausgebacken, sondern regelrecht schlabberig. Schade.

Wenn sich das Team eingespielt hat, wird der Grill verstärkt in Anspruch genommen. Da sehe ich eine große Chance, weil ein Kalbsentrecôte aus Hochrippe geschnitten und ein ordinäres Kotelett vom Saalower Kräuterschwein (für günstige 12,50 Euro) Gäste durchaus ansprechen können. Es müssen nicht immer Roastbeef oder Filet sein.

Ein paar Bekenntnisse zu Berlin sind ebenfalls im Programm. Die Currywurst, die selbst hochklassige Restaurants entdeckt und mit mehr als 20 Euro verkaufen, gibt es auch im Fritz. Wie alles ist sie hier günstig kalkuliert, mit dreierlei Curry zur Wahl und einem Kartoffelbrötchen für die Tunke (6,50 Euro). Natürlich darf auch der Havelzander nicht fehlen, da setzt die Küche behutsam zur kulinarischen Reise an und kombiniert ihn mit rheinischem Rahm-Sauerkraut. Die Abteilung "Die süßen Sachen", so steht es auf der Karte, bieten Standards von Apfelstrudel bis Roter Grütze.

In einem derartigen Restaurant überholt natürlich der Gerstensaft die Kreszenzen vom Weinberg. Es gibt etliche Biere vom Fass, unter anderem, was Experten bejubeln, ich kann da nicht mitreden, die Spezialbiere vom Kloster Andechs. Neben den Frischgezapften offeriert das Fritz 101 auch ein Dutzend Flaschenbiere.

Dagegen geht es nur bei den Schoppenweinen vergleichbar breit zu. Wer da lieber eine Flasche öffnet, kann nur aus einer kleinen Palette wählen. Ich entschied mich für "Marys Hauswein", den Chateau Haut Pontet, ein St. Emilion Grand Cru, den der Chef schon vor 20 Jahren ins Borchardt brachte. Ich gebe es ehrlich zu: Damit fielen wir schon aus dem Rahmen. Und im Fritz 101 fragt man dann auch nicht, ob der Wein dekantiert werden könne.

Enorm bemüht

Beim Service spürt man deutlich Roland Marys Handschrift. Das Personal ist enorm bemüht, ist immer da, wenn man es braucht. Die in der Anfangsphase fehlende Kenntnis bei Essen und Wein kommt bestimmt noch mit der Zeit. Alles in allem freue ich mich auf meinen nächsten Besuch im Borchardt, da gehe ich immer wieder hin. Das Fritz 101 dagegen habe ich zweimal besucht: das erste und wahrlich das letzte Mal.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant Fritz 101 Friedrichstraße 101 (am Bahnhof Friedrichstraße), Tel. 306 454 980

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag ab 10 Uhr, www.fritz101.de