Film: Die Eiserne Lady

Selbst die Gegner trauern ihr nach

Unsere Zeit leidet am Mangel politischer Größe, die sich nicht einstellen will inmitten der ökonomischen Malaise. Helden hätte man gerne, Drachentöter, die mit dem Schwert der Rechtschaffenheit den Monstern der Gegenwart entgegentreten. Margaret Thatcher ist eine solche Figur, die unseren Glauben an das Mögliche beflügelt, weil sie Geschichte gemacht hat, sich mit singulärer Entschlossenheit durchsetzte.

Der Film "Die Eiserne Lady" trifft den Zuschauer aber zunächst mit einer ganz anderen Botschaft als der Erwartung von Heldenverehrung. Wir wohnen den Dämmertagen einer alten Frau bei, die sich bemüht, sich im Nebel der Erinnerung zurechtzufinden und dabei die Frau zurückzugewinnen, die sie einmal war.

Regisseurin Phyllida Lloyd und Drehbuchautorin Abi Morgan spielen konsequent die Strategie ihres Films durch: Das Doppelporträt der Margaret Thatcher von heute, bedroht wie sie ist durch schleichende Demenz, und der Iron Lady von einst. Der Zuschauer fühlt sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Sympathie für die gebeugte alte Frau, die in ihrer Wohnung wie ziellos umherirrt, und der "Heldin" von einst.

Mit diesem Konzept fährt der Film gekonnt allen jenen in die Parade, die, sobald sie den Namen Thatcher hören, sogleich in den pawlowschen Reflex des Abscheus verfallen. Noch immer spaltet die Eiserne Lady die Gemüter. Ablehnung oder nicht: Dieser Film weckt vor allem Bewunderung, und zwar ungeteilte - für die Hauptdarstellerin Meryl Streep.

Wie sie die zwei Belichtungen von Madame T. darstellt, die hinfällige Frau auf der einen Seite und die kompromisslose Kämpferin auf der anderen, das ist eine Tour de force von tiefer Faszination. Als Amerikanerin hat die Streep Frau Thatchers Tonfall bis in die kleinsten Beiläufigkeiten sich anzueignen verstanden, dazu diese Manierismen, mit denen die erste Premierministerin der Insel einer versnobten Männergesellschaft gegenübertrat. Schließt man die Augen, so könnte man meinen, die wirkliche Thatcher zu hören, ihre Intonation zweifelsfreier Gewissheit, mit der sie ihr Land in den Bann schlug.

Aus Meryl Streep ist eine wahrhaftige Margaret Thatcher geworden, von einer fast magischen Authentizität. Authentizität? Wer weiß um den Alltag der Thatcher in ihrem 87. Lebensjahr? Wie kann ein Film, der auf zwei biografischen Gleisen fährt, behaupten, er trage Licht in die dunklen Tage einer demenzkranken Frau? Das ist der Punkt, der die meiste Kritik hervorgerufen hat. David Cameron monierte den Zeitpunkt der Verfilmung. "Man kann nicht umhin, zu fragen: Warum brauchen wir das gerade jetzt?"

Diese Frage beantworten Regisseurin wie Drehbuchautorin mit einer gehörigen Portion "poetischer Lizenz". So lassen sie die alte Dame mehrmals Kommentare abgeben, wie sie einem luziden Gehirn alle Ehre machen würden. "Ich habe Koalitionen nie gemocht", hört man sie einmal sagen - eine knallharte Antwort auf "Warum gerade jetzt?" Die britische Koalitionsregierung ist auf Kompromisse angewiesen - aber Kompromisse wie Schlichtungen waren nie der Stil der Eisernen Lady.

Das trägt die Streep mit grandiosem Aplomb vor. Es ist der Vergleich mit dem Einst und Jetzt, der - auf der physischen Ebene - diesem Film seine Melancholie verleiht, aber auf der politischen fast so etwas wie zusätzliche Brisanz. Schwer zu beurteilen, welches Alter Frau Thatchers die Streep glanzvoller beherrscht. Sie ist immer auf der Höhe ihrer Kunst. Der Film fügt dem Milieu der gealterten Frau in ihrer einsamen Wohnung den Geist ihres verstorbenen Ehemannes Denis hinzu, den die Witwe - Denis Thatcher starb 2003 - in ihren Halluzinationen beständig um sich wähnt. Hier tritt Thatcher ohne Thatcherismus auf den Plan - in akademische Fragen ihrer Politik, ihres philosophischen Herkommens verirrt sich der Film bewusst nicht oder nur kaum.

Im Vordergrund steht eine Frau, "die in den Namen Great Britain wieder das Great einführen wollte", wie sie sagt, und der keine Schlacht zu furchterregend schien. Eine Große der Geschichte, die auch dieser Film nicht eigentlich erklären kann, während er sie in mitreißender Intensität ablichtet.

Biografie: GB/F 2011, 105 Min., von Phyllida Lloyd, mit Meryl Streep, Jim Broadbent, Susan Brown

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