Berliner Perlen

Zeit für lange Gesichter

Lust auf Verwandlung? Mit bizarrem Outfit überraschen? Mit furchterregendem Gesicht erschrecken? Ein erfüllbarer Wunsch. In der Oranienburger Straße, vis-à-vis dem Tacheles, im Paralleluniversum von Maskworld. Dort herrschen ewige Fastnacht und Halloween, ist permanent Magie zu haben. Vergangenheit trifft Zukunft, Geschichte trifft Fantasy.

Durch das Labyrinth der Welten und Epochen lotsen sachkundige Berater wie Martyna, eine "professionelle Verkleidungsfachangestellte". Vampir-Outfit gefällig? Star-Wars-Rüstungen? Auch der Look der einstigen Bubblegum-Metaller "Kiss" ist erhältlich. Schnell verliert sich da bei Kinokennern und Gruselfans der Blick in der Maskensammlung. Eine Ausstellung von Pop- und Trash-Kultur der vergangenen 100 Jahre. Im Durchschnitt kosten die Stücke 40 Euro.

Der Laden zeigt Kostproben, das vollständige Sortiment gibt es im Online-Shop. Geschäftsinhaber Roman Matthesius, der mit Kompagnon Georg M. Dittrich Maskworld leitet, aber nur noch selten am Verkaufstresen steht, erklärt, was Kunden 2012 wollen: "Absolutes Highlight sind die Morphsuits, eine neue, britische Erfindung - Ganzkörperkleidung mit diversen Motiven aus transparentem Nylonstoff." Erwachsene zahlen dafür rund 49,90 Euro, Kinder 34,90 Euro.

Fantasy und Mittelalter

Superhelden-Outfits sind besonders gefragt: Batman, Spiderman. Klassiker sowieso. Piraten, Vampire, Monster. Beliebtes Zubehör sind Tattoo-Ärmel. Und das "Aqua-Make-Up", eine eigene Marke. Geschminkt wird auf Wusch vor Ort vom professionellen Maskenbildner, für zehn bis 15 Euro.

Das Geschäft ist nicht nur in der Karnevalszeit gut besucht, sondern auch vor Weihnachtsfeiern und großen Stadtfesten. Stehen Mittelalter-Conventions an, spüren das die Verkäufer. Das größte Rollenspiel "Conquest of Mythodea" zelebrieren Fantasybegeisterte im August in der niedersächsischen Dorf Brokeloh.

Roman Matthesius hat Kunden im In- und Ausland, 500 Fachhändler bestellen bei ihm. Berliner Ensemble und Deutsches Theater greifen auf den Riesenfundus zurück, in Babelsberg und Hollywood schätzt man sein Geschäft. So lieferte er Kostüme und Waffenrepliken für den opulenten Fernsehhit "The Tudors" und für Hollywood-Film "Königreich der Himmel" von "Blade Runner"-Regisseur Ridley Scott.

"Masken sind Kultgegenstände. Seit Urzeiten", sagt Matthesius. "Heutzutage ist das ähnlich" Verkleiden ist für ihn Verwandlung. Das Inszenieren vergangener Epochen und Ausprobieren nie dagewesener Zeiten. Für ihn ist das Hobby und Beruf zugleich. "Wenn ich eine Maske aufsetze und ihre Wirkung auf die Menschen um mich herum beobachte, bekomme ich gleich auch Lust, diese neue Rolle zu spielen", sagt Matthesius, der einst eine Schauspielschule absolvierte. Mit geübtem Griff stülpt er das runzlige Gesicht eines alten Mannes über. Eine erstaunliche Metamorphose ist zu beobachten. Der 34jährige, blonde Hüne wird plötzlich zum Greis.

"Mit 80 Masken hat alles angefangen", sagt er. Genauer: Mit einem Besuch in Prag 1996, als Abiturient. Mit seinem Bruder besuchte er die sagenumwobene Stadt und lernte dort auf einem Flohmarkt die neuartigen, hochflexiblen Schaumlatex-Masken kennen. Deren verblüffende Authentizität liefert das Material, das hauteng am Gesicht anliegt und jede Muskelbewegung transportiert. Begeistert kauften die beiden Jungen aus Köpenick dem Kunsthandwerker die ganze Ladung ab. "Auf Pump", sagt Matthesius. Nachdem die Masken verkauft waren und der Prager Händler sein Geld bekommen hatte, reichte der Erlös noch für neue Masken. Das Geschäft florierte bald. Sonntags auf Volksfesten etwa. Das Studentenleben der Brüder war gesichert. Der Spaß sowieso.

Kurz darauf wurden Händler ihre Kunden. Ab 1999 präsentierte man sich ausschließlich im Internet. Die Idee stammte von Computer-Experte Georg M. Dittrich. 2001 eröffneten die Maskenmänner ihr Geschäft in der Berliner Mitte. "Gleich am ersten Tag kam es bei uns zum Massenauflauf", sagt Matthesius. "Das war wie eine Performance." Seitdem gilt für ihn der Maskworld-Laden als Schaufenster und Visitenkarte von "Metamorph", der Firma von Matthesius und Dittrich, die die Waren produziert.

Elfenohren aus Köpenick

Inzwischen ist Maskworld etabliert, mit 80 festen Mitarbeitern, 200 Saisonkräften und eigener Werkstatt in Oberschöneweide zur Herstellung von Zubehör. Die Versorgung mit Elfenohren und Vampirzähnen darf schließlich nicht abreißen. 90 Lieferanten im In- und Ausland senden Rohstoffe und Fertigteile.

Das Geschäft lockt Szene-Gänger ebenso an wie Kinder und Eltern. Besucher studieren die falschen Bärte, Schauspieler, Maskenbildner und Maler lassen sich inspirieren. Der obligatorische Spaziergang durch die Oranienburger Straße führt viele Touristen ins Geschäft. Prominente wie Ben Becker, Udo Lindenberg und Jonathan Meese wurden dort gesichtet. "Mal sehen, wo die Geschichte hingeht", sagt Matthesius, der im Multi-Channel-Vertrieb, also via Laden und Internet, seine wirtschaftliche Zukunft sieht. Die Hauptsache, seine Triebfeder, bleibe der Spaß an der Suche nach neuen Ideen für Masken und Kostüme. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Seit Urzeiten schon.

Maskworld Oranienburger Straße 46/ 47, Mitte, Tel. 652 82 66, maskworld.com