Berliner Perlen

Mutter mit Lust auf Risiko

Vermutlich kennt jeder im Kiez die Gemüsegirlanden, die vor den beiden "Knofi"-Läden baumeln. Sie sind fast so etwas wie ein Wahrzeichen der Bergmannstraße. Die Knoblauchzöpfe sind leicht als solche zu erkennen, die Bänder mit den hellbraunen aufgefädelten Scheiben geben einigen Kunden jedoch Rätsel auf.

"Das sind ausgehöhlte getrocknete Auberginen", erklärt Ladeninhaberin Senay Celik routiniert. Die Ware hinter dem Tresen ist ebenfalls oft nicht gleich zu identifizieren. Handgeschriebene Zettel geben Auskunft.

Es gibt pralle Oliven, Kapernäpfel, glänzende gefüllte Weinblätter und Salate aus gedünstetem oder gebratenem Gemüse. Die meisten Kunden aber kommen wegen der etwa 30 verschiedenen Pasten, frisch zubereitet aus Schafskäse, Sesam, Kräutern oder Nüssen. Die Speisen werden auf Tellern präsentiert und liebevoll mit Kapern und Gemüsestückchen verziert. Es ist ein buntes, anregendes Durcheinander, das keine Ähnlichkeit mit den nüchternen blechernen Salattheken in Supermärkten hat.

Im vergangenen Jahr feierte das Geschäft sein 25. Jubiläum. Senay Celik stand vom ersten Tag an im Laden. "Ich war damals 16 und hatte eigentlich einen Platz auf einer Fachoberschule. Doch dann übernahmen meine Eltern dieses Geschäft, und es war klar, dass ich helfen musste", erinnert sie sich. "Wir waren damals wirklich arm, meine Eltern hätten sich keine Angestellten leisten können." Die türkischen Vorbesitzer hatten ihr Geschäft "Gül" (auf Deutsch: Rose) genannt. Familie Celik übernahm den Namen ebenfalls, "ohne Nachzudenken", und verkaufte fortan frisches Gemüse, Fleisch, Joghurt und andere typische Zutaten der orientalischen Küche. Die Einrichtung stammte zum größten Teil vom Sperrmüll, an den Wänden funkelten Dutzende türkischer Blechtabletts. Senay Celik hatte sie dort zu Dekorationszwecken angebracht. "Der Laden war schon immer Kult", sagt sie. "Viele Kunden waren von der Atmosphäre bei uns total entzückt."

Hart für den Vater

Geschäftlich lief mehr als zehn Jahre lang alles gut, dann verdarb BSE, im Volksmund Rinderwahn, den Kunden den Appetit auf Fleisch. Die Umsätze brachen ein. Senay Celik lebte damals bereits seit Jahren als Vegetarierin und überredete ihren Vater, Fleisch aus dem Sortiment zu nehmen. "Mein Vater hatte 36 Jahre lang als Fleischer gearbeitet, das war sehr hart für ihn", erzählt sie. "Ich habe ihm gesagt, vertraue mir: Die Zeit ist reif, um den Deutschen türkische Spezialitäten wie Humus oder Kisir nahezubringen." Den Kichererbsen-Brei und den Salat aus dem Weizenschrot Bulgur aßen die Familienmitglieder zuhause. Im Laden gab es so etwas bislang nicht. "Das wird bestimmt laufen", versicherte Senay Celik ihrem Vater. Ihre Schwester, die inzwischen auch mitarbeitete, war der gleichen Meinung.

Doch das neue Ladenkonzept ging nicht auf. Die beiden Schwestern standen mitunter 18 bis 20 Stunden am Tag hinter dem Tresen, bereiteten Pasten und Salate zu, von denen sie oft mehr als die Hälfte wegwerfen mussten. Viele Kunden äußerten sich zwar begeistert über die vegetarische Küche der Schwestern, nach einem knappen Jahr zeigte sich dennoch, dass die laufenden Kosten und Ausgaben die Einnahmen bei weitem überstiegen: "Wenn wir uns ein normales Gehalt gezahlt hätten, wäre schon eher Schluss gewesen."

Ein einziges Wochenende noch wollten sie ihr Geschäft weiterführen, um sich von den vielen treuen Kunden zu verabschieden. Danach sollte für immer Schluss sein. Doch an dem geplanten letzten Öffnungstag war der Laden von morgens bis abends voll. "Leute, die ich noch nie gesehen hatte, kamen plötzlich und kauften und kauften", erzählt sie und muss sich bei der Erinnerung an diesen Tag die Tränen aus den Augen wischen. "Das war die pure Magie." Erst in den Nachmittagsstunden erfuhr sie den Grund für den Kundenansturm. Am Tag zuvor hatte ein Nachrichtenmagazin einen Artikel über ihre Familie veröffentlicht. Es war ihre Rettung.

Von diesem Moment an ging es bergauf. Das Geschäft hatte die anvisierte deutsche Zielgruppe erreicht und wurde wenig später von "Gül" in "Knofi" umgetauft. Die Schwestern servierten nun auch Snacks und einen Mittagstisch. Italienische Nudeln, Weine, Olivenöle und andere mediterrane Speisen fanden Aufnahme ins Sortiment. In den nächsten Jahren kamen immer mehr Kunden, Senay Celik eröffnete zwei weitere Geschäfte in Kreuzberg und ein Café auf der anderen Seite der Bergmannstraße.

Verkaufshit Humus

Natürlich ging nicht immer alles glatt. Eine Küche brannte ab und die Filiale an der Kollwitzstraße lief von Anfang an nicht gut. "Ich mochte den Laden und die Straße nicht. So etwas kann nicht funktionieren, wenn man nicht mit Herzblut dabei ist", sagt die Geschäftsfrau. Als sie vor gut sechs Jahren schwanger wurde, übergab sie die Geschäftsleitung der Filialen an der Dieffenbachstraße und an der Oranienstraße ihren Geschwistern. Senay Celik führt das Café und den ursprünglichen Laden.

Humus sei noch immer der absolute Verkaufsschlager, erzählt sie, aber die Kunden seien auch offen für Neues wie die Walnusspaste mit Chili und die "Knofi"-Creme mit Parmesan. Ein Einkauf bei "Knofi" nach Feierabend ist längst ein Teil der Lebensart im angesagten Bergmannstraßen-Kiez.

Knofi Hauptsitz Bergmannstraße 98, Kreuzberg, Tel. 694 58 07, geöffnet Mo.-Sbd. 9-23 Uhr, So. 11-23 Uhr