Horrmanns Gourmetspitzen

Wässriger Lachs, eiskalter Rotwein

Eckart Witzigmann, der Koch des Jahrhunderts, hat bereits vor 30 Jahren angekündigt, dass japanische Küche und Esskultur einmal ein Vorbild für Europa werden würde. Er hat Recht behalten. Nippon-Restaurants boomen.

Die Esskultur des Landes hat es auf das Wecken aller Sinne angelegt, die Zunge antwortet dem Auge wie ein Geschmack dem anderen. Der Besuch eines japanischen Restaurants soll ein Gesamtkunstwerk von Genuss sein. Sollte...

Ich habe ein japanisches Restaurant in Berlin erlebt, dass man allen Auszubildenden im Gastro-Gewerbe zugänglich machen sollte: Seht her, hier werden alle nur denkbaren Fehler gemacht, die ihr vermeiden solltet. Hier steht der Gast nicht im Mittelpunkt, sondern nur im Weg. Das Fazit vorweg, im Goko in der Neuen Schönhauser Straße war es grottenschlecht. Dabei wurde dieses Restaurant in einem dieser Stadt-Magazine unter den besonders guten einsortiert.

Minimalistisches Ambiente

Der Reihe nach: Ambiente darf durchaus auch mal minimalistisch sein, im Goko allerdings stehen nur nackte Tischreihen wie in einer Werkskantine Stuhl an Stuhl, die Holzplatten ohne Tischläufer oder Dekoration, von Tischwäsche ganz zu schweigen. Die unappetitlich abgegriffene Speisekarte wird gereicht. Tempura, Teppanyaki-Gerichte, Lotus-Chips, gar Kobe-Beef? Alles Fehlanzeige. Von dem was die fernöstliche Küche auszeichnet, gab es lediglich die Kombination Sushi und Sashimi.

Japanern sagt man die besondere Tugend der Geduld nach. Mit unbewegtem Gesicht können die warten. Diesen Charakterzug braucht man auch hier ganz dringend. Die Bestellung wird aufgenommen. Dann passiert lange Zeit nichts mehr. Ein Amuse Bouche als Appetitanreger, Brot und Butter zum Einstieg gibt es nicht, nicht mal den sonst bei jedem Japaner angebotenen grünen Tee. Da wartet man also am leeren Holztisch und stellt fest, wie unschön auch die Papierservietten sind. Zumindest da hätte man ein wenig Tischkultur einbringen können. Dann kommt endlich der Service in Gang. Während die Sushi-Auswahl und handwerkliche Fertigung noch halbwegs in Ordnung war, ist bei Sashimi, dem frischen, rohen Fisch bereits Kritik angebracht. Hier ist das einzige Kriterium die knackige Frische des Produktes.

Die Lachsscheiben aber waren so wässrig, als habe man ein tiefgefrorenes Stück aufgetaut. Dann folgte die japanische Parade-Suppe, die Miso. Hier gab es keinen geschmacklichen Fehler zu bemängeln. Ging auch nicht, die Suppe hatte eine unglaubliche Geschmacksneutralität, sie bestach mit einer Aromenvielfalt von heißem Wasser. Inzwischen wurde der eingangs bestellte Rotwein serviert. Ein italienischer Barbera. Er kam so eiskalt wie ich mir oft den Champagner wünschen würde. Und dann stellte der "geschulte" Kellner sie auch noch in einen Kühler. Als ich das Glas mit den Händen umfasste um es ein wenig auf Zimmertemperatur zu wärmen, verstand er die Welt nicht mehr. Die Wasserflasche mit Drehverschluss wurde auf den Tisch gestellt Auf die Idee, sie für den Gast zu öffnen, vielleicht sogar ein Glas einzuschenken, darauf kam er nicht.

Winzig, kalt und ohne Aroma

Zeit für den nächsten Gang. "Saketeri", eine undefinierbare Reispampe mit einer total zerkochten und in Minifetzen aufgelösten Lachsscheibe. Da blutet einem das Herz, was der Koch da mit einem so aromatischen Fisch angestellt hat. Dann folgten die japanischen Hähnchen-Spieße. Winzig, kalt ohne Aroma, dagegen sind selbst McDonalds' Hähnchen-Nuggets kulinarische Höhenflüge.

Was bietet die Goko-Küche, die scheinbar ohne Herd, ohne Feuer und, wie ich auf Nachfrage weiß, auch ohne heiße Platte und Wok operiert, sonst noch? Gekochtes Seegras, für den der das mag, marinierte Glasnudeln, warmer Tofu mit Shiitake und hausgemachter Sauce, fermentierte Sojabohnen mit Tintenfisch, Klößchen vom Hähnchenfleisch und gekochte grüne Sojabohnen. Auf der Karte stehen so genannte "Elemente-Menüs". Nun das könnten ja interessante Kombinationen sein. Falsch überlegt. Das ist lediglich eine Zusammenstellung von unterschiedlichen Sushi, zum Beispiel Variation von sieben Nigris und einer California-Maki, kostet 18,50 Euro.

Für Vegetarier steht Chirashi bereit, ein Teller mit japanischem Gemüse oder die vegetarische Handrolle mit Gurke, Avocado oder eingelegtem Rettich (wenigstens ein bisschen Aroma). Nicht ohne Grund haben die meisten Japaner keine Gewichtsprobleme. Das Angebot und das Interesse an Desserts ist dünn. Auch hier im Goko. Reiskuchen, Pancakes und grünes Eis (von grünem Tee), das wars.

Der Service arbeitet unaufdringlich, aber auch völlig ungeschult wie das Beispiel Weinpflege zeigt. Manchmal besuche ich bei meinen Gastro-Tests ein Restaurant gleich zweimal, zum ersten und zum letzten Mal. Das Goko ist so ein Fall. Morgenpost-Leser haben gefragt, wo man denn einen richtig guten Japaner in Berlin fände. Für mich gibt es den allerbesten im KaDeWe in der Feinschmecker-Etage. Soll es ein stimmungsvolles Restaurant sein, empfehle ich das Di am Kurfürstendamm. Zwar System-Gastronomie, aber mit gut geschulten Köchen an den Teppanyaki-Tischen überzeugt auch das Daitokai im Europa-Center. Da kann ich nur noch "Itadakimasu" wünschen: Guten Appetit.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Goko Restauarant Neue Schönhauser Straße 12, Mitte, Tel. 27 58 25 49. Geöffnet: Mo.- Sbd. 11.30 bis 23 Uhr, So. 16- 23 Uhr. Kreditkarten werden akzeptiert.