Film: Die Summe meiner einzelnen Teile

Im Wald können wir gesunden

Hans Weingartners neuer Film "Die Summe meiner einzelnen Teile" kommt zu spät für die großartige Ausstellung "Unter Bäumen" im Deutschen Historischen Museum zu Berlin, die die Beziehung der Deutschen zu ihrem Wald untersucht. Dabei würde sie wunderbar hineinpassen.

Denn den Motiven dieser Beziehung - Wald als Ort der Mythen und Märchen, der nationalen Selbstfindung, der geheimen Sexualität - fügt die "Summe" ein weiteres hinzu: Nur im Wald können wir von der Krankheit der Hamster-im Laufrad-Moderne gesunden.

Weingartner erzählt die Krankheit unserer Gesellschaft in der Krankheit eines Mannes. Martin Blunt ist Mathematiker, und als solcher Handlanger für das Grundübel unserer Zeit, die Numerisierung unserer Welt, die Monetarisierung unserer Beziehungen. Dass er am Anfang mit einem Nervenzusammenbruch in die Klapsmühle eingeliefert wird, kann man auf die Trennung von der Freundin zurückführen oder das schwache Nervenkostüm von Mathe-Genies - aber die "Summe" stellt sich schnell als eine weitere Psychiatrie-Geschichte heraus.

Hans Weingartners großes Debüt "Das weiße Rauschen" vor zehn Jahren war eine solche ganz private Krise. In der "Summe" deutet vieles über das Private hinaus, denn Weingartner hat sich in der Zwischenzeit zu einem der wenigen politisch denkenden Filmemacher des deutschen Gegenwartskinos entwickelt; davon zeugen "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Free Rainer".

Wie Daniel Brühl im "Rauschen" setzt Peter Schneider (eine tolle Neuentdeckung) in der "Summe" nach der Entlassung seine Medikamente ab. Bei Brühl resultierte dies in Wahnzuständen, bei Schneider könnte man konstatieren, dass er erstmals klar wahrnimmt, was um ihn herum in unserer Gesellschaft geschieht. Er verliert seinen Job, wird aus der Wohnung geworfen und sammelt Pfandflaschen, um sich über Wasser zu halten.

Es könnte alles auf ein Großstadtelends-Drama hinauslaufen, würde sich Martin Blunt nicht mit dem ukrainischen Jungen Viktor zusammentun, der wie er auf der Straße lebt. Und: würden die beiden nicht in den Wald ziehen. Sie bauen sich aus Zweigen eine Hütte, stehlen auf einer Baustelle Planen und aus Schrebergärten Werkzeug - und zurück ist der Mensch im Rousseauschen Naturzustand, wo alle gleich sind. Um zu begreifen, bei welchem Lebensentwurf Weingartners Sympathie liegt, muss man nur das fahle Winterlicht von Berlin-Marzahn mit seinen Waldaufnahmen vergleichen. Als Martin und Viktor dort ankommen, hat der Wald etwas Undurchdringliches, verwandelt sich aber immer mehr in märchenschönen Gegenraum. Hans Weingartner ist einer der wenigen Filmemacher, die sich von der Realität ihre Utopien noch nicht austreiben ließen. Die Utopie vom Wald als Ort der geistigen Heilung ist dann doch zu schön, um sie aufrecht zu erhalten, und das weiß der diplomierte Gehirnforscher Weingartner auch.

Drama: D 2011, 120 Min., von Hans Weingartner, mit Peter Schneider, Timur Massold, Henrike von Kuick

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