Zwölf Stunden

Heute blau, morgen blau

Wie im Rausch trommelt, tanzt und donnert die Blue Man Group täglich durch ihr Theater am Potsdamer Platz. Ein tolles Spektakel, finden Crew und Darsteller. Nur die Farbe stört ein wenig

12:00: Unter der Bühne steht Thomas Milde, erster Mischer am Stage Bluemax Theater, vor Türmen von Effektgeräten, Servern und anderen Maschinen. Er drückt ein paar Knöpfe und fährt damit die technischen Anlagen des Theaters hoch. Hinter ihm steht ein blau-schwarzer Kicker. Heute, bei zwei Shows, wird er wohl nicht dazu kommen, mit seinem Kollegen Dennis ein kurzes Match auszutragen.

13:30: Bis eben hingen die Schläuche paarweise von der Decke des Saals. Beleuchtungsmeister Sven Perschmann bindet sie an ein Gestell, das er dann nach oben zieht. Gegen Ende der Show werden diese Schläuche gelöst. In verschiedenen Farben leuchten sie dann über den Köpfen der Zuschauer.

14:00: Quinte, Terz, Oktave. Toningenieur Dennis Kern stimmt mit Hilfe eines Geräts die Zither, die in einer der Musiker-Logen über der Bühne steht. Für die hohen Töne muss er sich allerdings auf sein Gehör verlassen. Dann testet er die Trommeln durch und zieht noch eben eines der Felle wieder straffer, damit auch da der Ton stimmt.

14:30: In der Waschküche im fünften Stock holt Birgit Drobnik, Leiterin Ausstattung, die frisch gewaschenen blauen Handtücher aus dem Trockner. Die fettige blaue Schminkfarbe, die sich die blauen Männer jeden Abend aus dem Gesicht wischen, bekommt man nur bei 90 Grad wieder heraus. Und das Blau ist überall. An den Wänden, in der Kleidung. Im Grunde gibt es keinen der 65 Mitarbeiter aus 13 Nationen am Theater, der sich noch nicht ein Kleidungsstück mit diesem leuchtenden Blau ruiniert hat. "Birgit, bitte die 13 rufen!", schallt es aus den Lautsprechern. Birgit Drobnik ruft die 13 an und erfährt, dass sich einer der Blauen krank gemeldet hat. Nun muss sie das Kostüm des Ersatzmannes herrichten.

15:00: Unter der Bühne sitzt Anne Peipp, Mitarbeiterin Kostüm und Ausstattung, an der Nähmaschine. Sie näht breite Klettverschlüsse an schwarze Gamaschen. Die Farbe ist einfach überall, da müssen auch die Schuhe der Blue Men geschützt werden. Für jede Show gibt es neue Paare.

15:30: Eineinhalb Pakete Crunchies durchzusieben ist das Erste, was Requisiteur Frank Oelbracht an diesem Arbeitstag macht. Die feinen Partikel müssen raus, denn wenn sich die blauen Männer die Crunchies ins Gesicht schmieren, könnten sie andernfalls Crunch-Staub in die Augen bekommen. Dann holt er die Jellos aus dem Kühlhaus, 25 Kilo schwere Wackelpuddinge mit Loch in der Mitte. Auch sie werden später ihren Einsatz auf der Bühne haben. Neue Jellos macht er in der kommenden Woche. Heißes Wasser, Gelatine, Farbstoff, und fertig ist der rote Riesen-Wackelpudding.

16:30: Jens Fischer, ausgebildeter Musiker begrüßt die Band. Sebastian Trimolt, Jeff Mesirow, Nils Westermann und Dave Anania gehen in ihre Umkleide und schalten das Schwarzlicht ein. Nur so können sie ihre UV-Schminke richtig auftragen: grafisch, symmetrisch, nicht wie ein Clown und nicht wie Kiss. Eben so, wie es aus Amerika von der Geschäftsführung der Blue Man Group vorgegeben ist. Denn hinter der wilden Berliner Show steht ein Unternehmen, das Blue-Man-Ensembles in aller Welt auftreten lässt. Das zog bislang 17 Millionen Zuschauer an.

17:00: Zehn Sprünge. So hoch wie möglich. Pete Starrett, Nadim Helow und Kuba Pierzchalski machen sich warm. In eineinhalb Stunden werden sie mit leuchtend blauer Schminke auf der Bühne stehen. Jens Fischer, der musikalische Leiter, kommt im Proberaum vorbei. Ist alles okay? Kuba ist der Ersatz-Mann für einen erkrankten Kollegen. Aber das klappt schon. Jeder der sechs Blue Men von Berlin kann jede Rolle, egal ob rechte, mittlere oder linke Position.

17:35: In dem kleinen Meetingraum neben den Umkleiden steht das Abendessen, das ein Caterer jeden Tag für die Mitarbeiter bringt. Dann ist "Circle Meeting", alle an der Show Beteiligten sind da. Frank Kühnert vom Bühnenmanagement erzählt, dass die nächste Vorstellung ausverkauft ist. Seit mittlerweile sieben Jahren ist das so, jeden Abend, bis auf den Ruhetag, am Montag.

17:55: Letzte Gäste eilen ins Theater. Frank Kühnert gibt das "Go" für den Start der Show.

19:45: Der Schlussapplaus ist verklungen, die Zuschauer haben den Saal verlassen. Keine fünf Minuten später macht sich die Putzkolonne über die Bühne her. Mit Kärcher, Poliermaschine, Besen und Wischlappen. Die Farbe muss weg. Auch Dave Anania wischt sich die Farbe aus dem Gesicht und geht hinüber in den Coffeeshop. Ein bisschen Entspannung zwischen den zwei Shows.

20:00: Während sich unten an der Kasse eine Schlange bildet, steht oben auf der Bühne der zweite "Line Check" des Abends an: Eine gute Stunde vor jeder Show lässt Caller Frank Kühnert Aufbauten noch einmal durchprobieren. Fährt der Tisch aus? Ja. Aber es sind noch Farbspritzer daran. Kühnert wischt schnell selbst darüber. Fährt der Bildschirm ohne Ruckeln herunter? Klappt. Dennis Kern und Thomas Milde stimmen die Instrumente. Es kann weitergehen.

21:00: Die zweite Show. Frank Oelbracht und seine Kollegen aus der Requisite huschen hinter der Bühne an ihre Plätze. Unbemerkt für das Publikum reichen sie den Blue Men Staubsauger und andere Requisiten.

22:00: Claudia Beutner, die Theaterleiterin, sitzt noch in ihrem Büro. Sie fasst am Laptop die Ergebnisse des Vertragsgesprächs mit einem neuen Mitarbeiter zusammen. Dann schleicht sie sich leise und möglichst unauffällig in den Zuschauerraum und schaut die letzte halbe Stunde der Show.

22:30: Kurz vor Ende fallen 1,2 Kilometer Papier von der Decke. Ein Teil davon landet bei Thomas Milde auf dem Mischpult. Nichts wie weg damit. Und weitermixen.

22:45: Showende. Die Blue Men und die Musiker gehen ins Foyer, um die Zuschauer zu treffen. Meet and Greet. Pete, Nadim und Kuba lassen sich anfassen, fotografieren, gern auch mal kräftig auf die Schultern klopfen. Aber die Drei lächeln nicht, erwidern kein Wort. Blaue Männer zeigen keine Regung. Das ist Konzept.

23:00: Eine letzte Zusammenkunft an diesem Abend. Frank Kühnert, die Blue Men, die Musiker und die Bühnencrew gehen den Abend durch. Wo gab es Probleme, worauf muss man morgen achten? Diese "Note Session" gibt es nach jeder Show. Kurze Kritik, abschminken, umziehen. Dann geht es nach Hause. Theaterleiterin Claudia Beutner zieht sich die Jacke über und steigt in ihr Auto. Einen Job mit normalen Arbeitszeiten könnte sie sich nicht vorstellen.