Berliner Perlen

In 180 Quadratmetern um die Welt

Menschen, die Hella Knappertsbusch bei der Arbeit treffen, könnten eine Frage stellen, die in jenen Räumen nicht unbedingt vermessen klingen würde: Was kostet die Welt? Denn darauf gibt es in diesem Geschäft eine Antwort. Im teuersten Fall, würde Hella Knappertsbusch dann sagen, koste sie 8995 Euro.

Gemeint ist der Großglobus "Magnum Duorama", Modell 2111182, mit Reliefschummerung, einem Kugeldurchmesser von 1,11 Meter und einer Höhe von 1,80 Metern. Das Stück überragt auf seinem Gabelfuß damit deutlich die 51 Jahre alte Buchhändlerin. "Unser größtes Exemplar", sagt die gebürtige Hamburgerin und gibt der Welt einen kräftigen Schwung. Sie arbeitet bei Schropp, der traditionellen Berliner Fachbuchhandlung für Landkarten, Reiseführer.

Rund 20 000 Artikel verkauft das Geschäft. Mehr als 100 verschiedene Globen hat Schropp im Sortiment. Der Name steht für eine lange Tradition: Die Geschichte des Kartenladens begann in einem April vor 269 Jahren, als Friedrich II. dem Verleger Simon Schropp erlaubte, mit Karten zu handeln. Dieser leistete im Land bald Pionierarbeit. Sein Unternehmen beschäftigte in Phasen großer Nachfrage über 100 Mitarbeiter in Berlin, das damit zeitweise zur Hauptstadt der preußischen Kartographie wurde.

Die Welt dreht sich schneller

"Die Zukunft stellt jedoch alles in Frage", sagt Hella Knappertsbusch und schiebt die Bibliotheksleiter am Regal vorbei. Bis an die Decke stapeln sich die Karten. Die Leiter quietscht ein wenig beim Schieben. Auslegeware dämpft dagegen jeden Schritt. Über der Eingangstür, gleich neben dem Magnum Duorama hängt ein Glöckchen, das in letzter Zeit seltener klingelt. Die Welt da draußen dreht sich schnell. Das merkt Hella Knappertsbusch. "Es fehlt zunehmend das Publikum, das noch richtig Karten lesen kann", sagt sie. Eine Nische finden, so lautet das Credo der Stunde. Denn wie so viele Branchen gehört auch das Kartengeschäft zu einem, das sich in Konkurrenz zu neuen Technologien neu orientiert.

Die Fragen ähneln sich: Wer kauft noch Musik, die man sich kostenlos im Internet besorgen kann? Wer steckt ein Buch in den Rucksack, wenn er 1000 in einem kleinen Gerät mit sich tragen kann? Oder eben: Wer kauft eine Karte oder einen Reiseführer, wenn es Internetdienste gibt, die noch die kleinste Wellblechhütte in Kapstadt als fotografische Nahaufnahme per Satellit heranholen? Hella Knappertsbusch spricht von "Entschleunigung", davon, dass sie auf Menschen setze, "die lieber auf Papier schauen statt auf ein Display".

Einer von diesen Menschen ist Jürgen Ruge. Der 67-Jährige öffnet eine der großen Schubladen, die in dem Eichenholztisch des Vorraums eingelassen sind. Ruge und seine Ehefrau, die jetzt die Karten in der Schublade inspiziert, treffen sich oft mit ihrer Wandergruppe. "Wir suchen topografische Karten aus dem Raum Brandenburg, weil sie sehr genau sind", sagt Jürgen Ruge. "Und dieses Geschäft ist der einzige Ort, wo wir die finden können."

Der Kartenladen Schropp, den Buchhändlerin und Geographin Regine Kiepert seit 30 Jahren führt, ist für Wissenschaftler und Studenten, aber auch für viele Menschen, die auf Reisen gehen, die erste Station. Für Kartenliebhaber ist er so etwas wie ein Sehnsuchtsort. "Schauen Sie", sagt Hella Knappertsbusch, "das hier ist zum Beispiel eine detaillierte Karte des Donau-Deltas in Rumänien. Oder hier: eine Vogelkarte für Südafrika."

Die Auswahl ist einzigartig: topografische Karten aus der ganzen Welt, Wanderwege für die entlegensten, unwegsamsten Orte der Erde, historische Stadtpläne, riesige Wandkarten, Weinanbaukarten. Auch Abseitiges, gar nicht Wissenschaftliches, gibt es, etwa Berlin in Form eines Globus.

Hella Knappertsbusch und die sechs Mitarbeiter können bei jedem Kauf nachfühlen, welche Reise der Kunde antritt. Im Moment erstreckt sich Italien vor der leitenden Angestellten. Ein paar Schritte nur und Hella Knappertsbusch befindet sich in den USA. Sie zieht New York aus dem Regal, im Maßstab 1:27 000. Eine Weltreise geschieht hier beinahe in Lichtgeschwindigkeit.

Auf Spurensuche

Sehr schnell ging es auch, bis sich Hella Knappertsbusch für Landkarten begeistert hatte. Eigentlich lag ihre Leidenschaft, nachdem sie Germanistik studiert hatte, ganz bei den Büchern. Doch Bücher, sagt sie, gebe es ja auch hier: Reiseführer, Reiseberichte, Bildbände. Die Reiselust der Kunden indes stecke förmlich an. "Die Reisenden, die unseren Laden besuchen, sind merklich gut gelaunt."

Andere Kunden sind auf Spurensuche nach der eigenen Vergangenheit und stöbern nach Heimatkarten aus Schlesien oder Westpreußen. Vor allem die historischen Karten, sagt die Buchhändlerin, machen die Welt, wie sie einmal war, anschaulich. Sie entfaltet eine Karte, auf der die Ortschaft Nidden gezeichnet ist. "Thomas Mann hatte dort sein Sommerhaus." Früher gehörte das heutige litauische Nida zu Ostpreußen. Ein Gefühl für die Geschichte, sagt die Buchhändlerin, könne nur das alte Papier vermitteln - und kein Computerbildschirm der Welt.

Schropp Land & Karte Hardenbergstraße 9a, Charlottenburg, Tel. 235 573 20, landkartenschropp.de, Mo.-Fr. 10-20 Uhr, Sbd. 10-18 Uhr