Berliner Perlen

Sag's mit der Umhängetasche

Heute so, morgen so. Heute Kuhfell, morgen U-Bahn-Plan. Und zum kleinen Schwarzen dann Brokat. Alles ist möglich. Eine Tasche, die sich jedem Outfit, jeder Gelegenheit anpasst. Das war die Idee von Antje Strubelt und Heiko Braun, als sie 2003 die erste Tasche mit austauschbarem Deckel entwickelten. Vorerst nur als Kunstobjekt, präsentiert in einer Galerie. Aber mit 150 verkauften Exemplaren sofort ein Erfolg.

Kennengelernt haben sich die Designer der "Ta(u)sche"-Geschäfte beim Landschaftsarchitektur-Studium in Berlin. Doch der Niederlausitzerin und dem Stuttgarter war noch vor dem Ende ihres Studiums klar, dass sie als Landschaftsarchitekten nur schwer Arbeit finden werden - und wollen. Was sie wirklich wollten, war, selbstständig zu sein, eigene Ideen umzusetzen. Also mieteten sie sich eine billige alte Wohnung mit Ofenheizung in Prenzlauer Berg und eröffneten ihre eigene kreative Denkfabrik. "Als erstes entwickelten wir kleine Klötzchen, die man unter die Stuhlbeine schieben kann", sagt Antje Strubelt. "Die werden bis heute gerne von Orchestermusikern bestellt. Damit sitzen sie besser beim Musizieren."

Immer etwas Neues

Aber das war es noch nicht. Antje Strubelt und Heiko Braun überlegten weiter. Im Studium hatten sie gelernt, was Entwerfen bedeutet. "Anwenden kann man das auf alles, egal, auf welches Produkt", sagt Heiko Braun. "Wichtig ist, eine Idee konsequent umzusetzen. Die Marke müsse zum Produkt passen und die Leute müssen es verstehen. Die Menschen wollen immer etwas Neues. Deshalb muss sich ein Produkt diesem Wunsch nach Individualisierung anpassen."

Irgendwie kamen sie dann auf die Idee mit der Tasche. Ursprünglich sollte alles austauschbar sein. Korpus, Deckel, Trageriemen, Innenleben. Aber das wäre zu kompliziert gewesen. Also? "Reduce to the maximum", sagt Heiko Braun. "Auf das Wesentliche reduzieren." Und so entschieden sie sich dafür, einen einfachen, rechteckigen Taschenkorpus zu entwickeln und dazu viele verschiedene Deckel, die man je nach Laune wechseln kann. Mit einem Reißverschluss. Die erste Kollektion wurde in einer Galerie im Rahmen einer Ausstellung gezeigt. "Die Leute fanden das super", sagt Strubelt.

Die Idee war geboren und auf ihre Tauglichkeit getestet. Braun und Strubelt schrieben einen Businessplan, beantragten einen Existenzgründungskredit und suchten einen passenden Laden. Den fanden sie an der Raumerstraße 8 am Helmholzplatz. Einen alten Ost-Jugendclub. "Damals war hier noch kaum etwas los und die Miete entsprechend günstig", sagt Antje Strubelt. Renoviert haben sie selbst und Möbel gebaut. Die vielen verschiedenen Taschendeckel haben sie einfach neben- und übereinander an die Wände gehängt. Wie Bilder.

Dann musste ein Name gefunden werden. Aus "Tasche mit Tauschfunktion" wurde kurz "Ta(u)sche". Besonders wohlklingend ist der Name nicht, findet Braun. Trotzdem funktioniert er bestens. Er bezeichne eben das Objekt, beschönige nichts, sei ehrlich und verständlich.

Auf der Suche nach einer Produktionsstätte, um die Taschen aus Polyestergewebe nähen zu lassen, wurde man in Thüringen fündig. "Ein großes Glück, denn es ist nah, man ist dort sehr flexibel und kann auch mal eine Stückzahl von nur 20 Deckeln machen", sagt Antje Strubelt. Außerdem war es ihnen wichtig, dass die Produktion nicht ins Ausland verlagert wird. China etwa war nie eine Option.

Elf verschiedene Korpus-Modelle gibt es mittlerweile. Von der großen "Weltenbummlerin" über die am besten verkaufte, mittelgroße "Tagediebin", in die auch mal einen A4-Block passt, bis zur neuen, kleinen Gürteltasche "Vagabundin". Zu jeder Tasche gehören immer zwei Deckel, die sich der Kunde selbst aussuchen kann. Beim Design der Deckel leben die 42-jährige Antje Strubelt und der 41-jährige Heiko Braun ihre ganze Kreativität aus. Einfach nur nett darf es nicht sein und auch nicht ausschließlich grafisch. Es muss etwas dahinter stecken. Eine Idee. Eine Erinnerung. Zum Beispiel an den eigenen Hund Ajas, der nun auf einem Deckel verewigt ist. Oder eine stilisierte Moorlilie, die Blume des Jahres 2011.

Der Internetnutzer verstaut dahinter dann sicher den Laptop und andere Arbeitsmaterialien, Eltern tragen Fläschchen und Spielzeug umher, der Fotograf schützt Kamera und Objektive. 75 Euro kostet die klassische Tagediebin-Tasche mit zwei Deckeln. Wer einen dritten Deckel möchte, zahlt 17 bis 24 Euro, ausgefallener Deckel kosten 48 Euro.

Läden in Hamburg, Köln und Tokio

Seit Kurzem gibt es auch eine edle Variante in Leder, eine spezielle Fahrradtasche und ein Deckel-Set zum Selbstgestalten. Das sind Kombinationsmöglichkeiten, bei denen das ursprüngliche Prinzip der Designer nicht verändert wird. Und die Taschen sind beliebt. Längst laufen nicht mehr nur die eigenen Freunde mit einer Ta(u)sche herum. In Berlin sieht man sie oft. Und nicht nur dort. Es gibt Läden in Hamburg, Stuttgart, Köln und sogar Tokio. Über das Internet verkaufen Antje Strubelt und Heiko Braun ihre Taschen sogar nach Australien, Neuseeland und in die Vereinigten Staaten. Und jeden Tag sehen die Taschen anders aus. Heute mit Kuhfell, morgen mit Foto und übermorgen passend zum Abendkleid.

Ta(u)sche Raumerstraße 8, Prenzlauer Berg , Krossener Str. 19, Tel. 403 017 70 und Friedrichshain, Tel. 347 111 50, Mo.-Fr. 11-20 Uhr, Sbd. 11-18 Uhr