Bühnencheck

In der Distel wird scharf geschossen

Kabarettisten und Regierung sind natürliche Gegner. Kaum einen Steinwurf von Bundestag und Kanzleramt entfernt ist das auch im Kabarett-Theater Die Distel nicht anders. Doch zur Halbzeit von Schwarzgelb jubilieren die sonst gern bitterböse lästernden Stachelgewächse nachgerade: Noch nie hat ihnen eine Regierung so viele Pointen frei Haus geliefert.

Es ist fast wie bei den Banken. Satiriker werden plötzlich immer wieder beschenkt mit Rücktritten, Eurokrise und all den Fettnäpfchen, in die Politiker vom Bundespräsidenten bis zum Hinterbänkler offensichtlich mit Vorliebe treten. Kein Wunder, dass Dagmar Jaeger gleich zu Beginn etwas loswerden muss, was ihr sichtlich schwer fällt: "Danke Merkel!"

Einmal jährlich trumpft die Distel zur Freude vieler Fans mit ihrem gesamten sechsköpfigen Kabarettistenteam auf. Diesmal droht das Sextett der bundesdeutschen Polit-Elite mit einem Best-of-Programm in bester Wutbürger-Pose: "Wir treten zurück!" Regisseur Martin Maier-Bode gelingt mit der kompakten Nummernrevue eine amüsante Bilanz von zwei Jahren Schwarz-Gelb, die den Nerv der Zeit trifft. Vor allem empfehlenswert für all diejenigen, deren letzter Besuch in der Distel schon eine Weile zurückliegt. Alle anderen dürften die Sketche kennen, werden aber von manchem Update überrascht.

Ohnehin sieht man vieles gerne wieder. Etwa Michael Nitzel als BVG-Busfahrer, der über die permanente S-Bahn-Krise und gefährliche Passagier-Mutanten räsoniert. Oder den surrealen Clash von Arm und Reich in Edgar Harters Schmuddel-Grill, den Dorina Pascu und Timo Doleys als aufgekratzte Snobs für eine künstlerisch ambitionierte Form der Erlebnisgastronomie halten. Pikant kommt auch die bundestagsinterne Versteigerung von Stefan Martin Müller und Michael Nitzel daher: Ein groteskes Postengeschacher, bei dem Parteien nur echte Politiker-Nullen ins Rennen schicken dürfen.

Das furiose Kabarettisten-Sextett atomisiert temporeich jeden Funken Hoffnung auf eine bessere politische Zukunft, ist dabei aber so lustig, dass man nach dieser Bestandsaufnahme nicht vollkommen frustriert ist, sondern noch lange lacht.

Kabarett-Theater Die Distel Friedrichstr. 101, Mitte, Tel. 204 47 04. Nächste Termine: 27.-29.12., 2.-6.1., 20.-24.2., 20 Uhr, 30. & 31.12., 7.1.,25.2., 17 & 20 Uhr, 26.2. um 16 Uhr