Zwölf Stunden

Wandertag zur Südsee

Das Ethnologische Museum zieht jährlich bis zu 150 000 Besucher in seinen Bann. Für Schüler wird da ein Ausflug nach Dahlem zur Reise in eine Welt voller Mysterien und Abenteuer

08:55: Der Personaleingang für die Mitarbeiter des Ethnologischen Museums liegt still in der Fabeckstraße. Bis in die 80er-Jahre waren dort die wichtigsten Museen Westberlins: Skulpturensammlung, Gemäldegalerie und das Ägyptische Museum. Touristenbusse verstopften damals die schmalen Straßen in Dahlem. Doch spätestens seit 1996, als zahlreiche Kunstwerke in die Gemäldegalerie nach Tiergarten zogen, ist es dort erheblich ruhiger geworden. "Früher hatten wir 500 000 Besucher im Jahr, heute sind es noch etwa 120 000 bis 150 000", sagt Peter Junge, Leiter der Afrika-Abteilung. Er ist der erste Wissenschaftler, der an diesem Tag den Verwaltungsflügel des Museums betritt.

10:05: Gleich nach der Eröffnung stürmen mehrere Schulklassen in das Foyer des Museums. Hans-Joachim Genzel überreicht einem belgischen Lehrer einen Plan des Gebäudes und erklärt ihm, in welchem Gebäudetrakt die Südsee-Abteilung liegt. Der Mitarbeiter an der Information verwaltet auch die Telefonzentrale. "Haben sie heute geöffnet?" lautet die häufigste Frage, die ihm am Telefon gestellt wird. Wollen die Anrufer wissen, wie lang die Schlange vor dem Bode-Museum ist, dann muss Genzel passen: "Ich kann ja nicht bis nach Mitte gucken." Ohnehin hätten einige Touristen ein bizarres Bild von der Berliner Museenlandschaft. "Wir hatten hier schon Leutchen, die behaupten, vor kurzem hätten in der Eingangshalle noch riesige Dinosaurier-Skelette gestanden. Denen muss ich schonend beibringen, dass wir hier nicht im Naturkundemuseum sind."

10:40: Eine Art Brosche in der Größe eines Frühstückstellers und diverse kiloschwere Halsgeschmeide liegen vor Mira Dallige-Smith. Der Silberschmuck ist Teil der Ausstellung "Mythos Goldenes Dreieck". Die Restauratorin zieht Vinyl-Handschuhe an und legt die so genannten "3-D-Objekte" unter eine Spezial-Lampe, unter der auch winzige Verunreinigungen zu sehen sind. "Alles, was in Ausstellungen gezeigt wird, durchläuft zunächst unsere Abteilung", erklärt sie.

11:05: Die Museumspädagogin Irini Vasilopoulou führt eine dritte Klasse der Zehlendorfer Nord-Grundschule durch die Indianer-Abteilung. Das Thema wird seit Wochen in Sachkunde- und Deutschunterricht behandelt. Nachdem alle Schüler eine indianische Trommel schlagen durften, gibt es ein Suchspiel: Sie sollen einen blauen Maiskolben, eine Rassel und die "Regenjacke der Eskimo-Indianer" finden. Die voluminöse, dünne Jacke aus Därmen haben die Kinder schnell in einer Vitrine entdeckt. Jetzt sollen sie sagen, aus welchem Material das Kleidungsstück gefertigt wurde. "Seehundfell?" "Leder?" "Aus dem Bauch irgendwelcher Tiere?" raten die Kinder.

11:30: Ein halbes Dutzend Schüler rennt in die "Buchhandlung Walther König" im Eingangsbereich, die von vielen Besuchern fälschlich als "Museumsshop" bezeichnet wird. Die Kinder bewundern Postkarten, Puzzles, Rasseln aus Guatemala und Püppchen aus Südafrika. Im hinteren Teil des Ladens stehen edle Bildbände und Fachliteratur. "Viele unserer Kunden sind Studenten und Wissenschaftler", sagt Buchhändlerin Tina Buchen. Die kommen in der Regel erst nachmittags, wenn kein aufgeregtes Stimmengewirr durch den Laden hallt.

12:10: Die Besucher bekommen nur einen geringen Teil der Schätze des Ethnologischen Museums zu sehen. Das Gros der Sammelstücke lagert in unzugänglichen Hallen und Stahlregalen. Etwa 120 000 Teile umfasst allein die Amerika-Sammlung, für die Peter Jakob zuständig ist. 50 bis 70 Jahre alt seien die graumelierten Papp-Kartons in denen kleine mexikanische Tonköpfe aus dem 19. Jahrhundert lagern, erklärt der Magazin-Verwalter. Die Jahrzehnte haben den Kartons nichts anhaben können, doch leider enthalten sie Säuren. Über einen Zeitraum von 100, 150 oder 200 Jahren könnten die Karton-Oberflächen die antiken Tonteile zersetzen. Peter Jakob misst jedes einzelne Stück präzise aus, fotografiert es und trägt eine passende Nummer in den Computer ein. Dann sortiert er die Tonköpfe in einen Karton. Der ist neu, weiß und säurefrei. Ungefährlich. "Manchmal erinnert unsere Arbeit schon ein wenig an die von Sisyphus", sagt Peter Jakob.

12:30: Die Schulklasse hat die Führung beendet. Jetzt strömen sie alle noch einmal mit großem Getöse in die Südseehalle. In diesem Teil des Museums dürfen viele Ausstellungsstücke angefasst und erklettert werden. Simon, Pauline und Franka steigen unerschrocken auf eines der Boote und lassen zufrieden die Beine baumeln.

14:25: Eine dicke Schicht Herbstlaub schimmert im Nachmittagslicht. Helmut Schablin vom Hausdienst harkt Blätter und Bucheckern zu großen Haufen zusammen. Gemeinsam mit sechs Kollegen kümmert er sich darum, dass das Gebäudeinnere und die Gartenanlagen des vier Hektar großen Geländes gepflegt wirken. Rasenmähen im Sommer und Schneeschippen im Winter gehören auch zu seinen Aufgaben. "Wir sind hier die schnelle Eingreiftruppe", sagt Helmut Schablin.

15:30: Kostbare Gewänder, opulenter Silberschmuck, fesselnde Fotos und Bilder sind in der neuen Dauerausstellung "Mythos Goldenes Dreieck" zu sehen. "In dieser Gegend gibt es sehr viele ethnische Minderheiten", sagt Dr. Roland Platz, der Kurator der Ausstellung. "In Nordthailand leben Bergvölker wie Hmong, Karen und Lisu. Jede Ethnie hat ihre eigene Besonderheit und Tradition. Besonders das Kunsthandwerk aus dieser Gegend ist sehr schön."

17:20: "Atlas zur Reise um die Welt auf Befehl seiner Kaiserlichen Majestät Alexander des Ersten auf den Schiffen Nadeshda und Neva unter Commando des Capitäns von Krusenstern" ist ein bebilderter Bericht der ersten russischen Weltumsegelung. Das Buch stammt von 1806 und ist einer der 7100 antiken Bände der Museumsbücherei, in der weitere 100 000 Bücher und 200 000 Fachzeitschriften lagern. Der "Krusenstern" ist so hoch, dass er in kein Bücherregal passt. Bibliothekarin Barbara Hille blättert durch die handkolorierten Seiten, die Meerestiere und exotische Pflanzen zeigen. "Ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich mir diese alten Bände anschaue", sagt sie. "Wie liebevoll und detailgenau diese Zeichnungen sind. Außerdem finde ich es unglaublich, was die Menschen früher auf den Expeditionen erlebt haben."

19:20: Afrika-Experte Peter Junge durchmisst noch einmal die Sammlung. Kurz darauf verschickt er die letzte E-Mail dieses Arbeitstages. Sie geht an eine Kollegin, die, genau wie er selbst, der Planungsgruppe Humboldt-Forum angehört. Wenn erst einmal das Stadtschloss steht, sollen auf einer Fläche von etwa 10 000 Quadratmetern die Ausstellungen des Ethnologischen Museums untergebracht werden. Die zahlreichen Sammlungen dagegen gehen nach Friedrichshagen. Dann wird es in den Dahlemer Straßen rund um das Museum wohl noch ein wenig ruhiger werden.