Kino

"Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten"

In Paragraf 227 des Versailler Vertrages von 1919, mit dem der Erste Weltkrieg sein Ende fand, wurde die persönliche Verantwortung des deutschen Kaisers für den Ausbruch des Krieges festgeschrieben. Artikel 231 betonte die Alleinverantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für die entstandenen Schäden.

92 Jahre nach Versailles präsentiert der neue Kinofilm "Sherlock Holmes - Spiel im Schatten" einen anderen Kriegsschuldverdächtigen. Und es ist nicht mehr Wilhelm II. - sondern ein Engländer! Ein veritabler Geschichtsrevisionismus!

Der Reihe nach. Zunächst ist der zweite Holmes-Film von Guy Ritchie weiter damit beschäftigt, seine Titelfigur umzuschreiben, sprich: den 124 Jahre alten Helden aus dem 19. ins 21. Jahrhundert zu zerren. Dabei fährt Ritchie eine zweigeteilte Strategie: Er bleibt im spätviktorianischen London, aber er füllt diese Szenerie mit Figuren, die aussehen, als hätten sie eine Rolle rückwärts aus der Popkulturzukunft vollzogen.

Dazu gehört , dass die berühmten Holmes-Requisiten nur en passant vorkommen. Seine Geige behandelt er als eine Art Gitarre, die Meerschaumpfeife hängt kurz im Mundwinkel, der Deerstalker-Hut wird gar nicht mehr gesichtet

Stattdessen entwickelt sich Holmes (Robert Downey Jr.) immer mehr in die Richtung eines kaputten Helden mit Post-Achtundsechziger-Blues, und zweimal kommt einem Johnny Depp als Vorbild in den Sinn, als Drogenrauschreporter in "Fear and Loathing in Las Vegas" (Downeys Holmes' konsumiert Cocablätter) und als Piratenkapitän Jack Sparrow (Downey treibt Holmes' Queerness so weit wie kein anderer).

Wir haben es bei "Spiel im Schatten" mit zwei gefestigten Beziehungen zu tun. Zum einen mit der Vertrautheit von Guy Ritchie zu seinem Stoff; beim ersten Teil vor zwei Jahren erschien manches bemüht und schrill, hier gewinnt man den Eindruck eines Rennfahrers, der seine Maschine nun kennt und sie mit Vergnügen an die Grenzen des Möglichen treibt.

Auch die Beziehung Holmes/Watson testet ihre Limits, denn der gute Doktor (Jude Law) versucht den Absprung per Heirat, und der davon nicht begeisterte Ermittler wirft die Braut aus dem Zug - womit er ihr Leben rettet und den Bräutigam für sich behält.

In "Spiel im Schatten" geht es, mehr als um alles andere, um Geschwindigkeit, und zwar um beschleunigte und verlangsamte. Freunde des guten alten Lehnstuhldetektivs von Conan Doyle muss es in den ersten zehn Minuten schwindlig werden, denn Ritchie stopft nichts weniger als eine Attacke von vier Schurken, eine Bombe im Sarkophag und einen Mord hinein.

Ritchie beginnt aber den Rhythmus zu variieren, sich von dem Blockbuster-Tempo zu emanzipieren. Er filmt Zweikämpfe mit einer Hochgeschwindigkeitskamera namens Phantom und führt sie dann zweimal vor - zuerst in Zeitlupe, so, wie sich der alles vorausplanende Holmes den Kampfverlauf vorstellt, und dann in Normalgeschwindigkeit, wenn der wie geplant abläuft.

So wie Ritchie mit dem Tempo spielt, variiert er seine Erfindung: Was aber passiert, wenn der Gegner genauso intelligent ist wie Holmes? Ritchie ist klug genug, nicht alles auf Superdetektiv und Superschurke auszurichten. Es gibt Machinationen und Anschläge auf Diplomaten, und alles scheint darauf hinauszulaufen, dass Frankreich und Deutschland sich an die Gurgel springen müssen.

Die eindrucksvollste Sequenz von "Spiel im Schatten" führt in eine deutsche Rüstungsfabrik, wo Hunderte von Mörsern und Kanonen auf ihren Einsatz warten - und dann auch zur Feuerprobe kommen. Geschosse durchsieben in Holmes-o-Vision Baumstämme und pfeifen durch das Wams fliehender Menschen hindurch - hier gehen der Manierismus Ritchies und eine Vorausahnung der Grauen des Ersten Weltkriegs eine eindrucksvolle Allianz ein.

Der Mann hinter der Kriegsmaschinerie ist aber kein deutscher General mit Monokel, sondern ein englischer Intellektueller, der an einem fürchterlichen Masterplan arbeitet: Professor James Moriarty. (Jared Harris). Die Rüstungsindustrien der großen europäischen Mächte hat er in seinen Besitz gebracht, nun braucht er nur noch einen großen Krieg, damit die Gewinne sprudeln. Wir werden sehen, ob es Sherlock Holmes gelingt, ihn rechtzeitig auszuschalten.

Krimi: USA 2011, 128 Min., von Guy Ritchie, mit Robert Downey jr., Jude Law, Jared Harris, Eddie Marsan

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