Berliner Perlen

Pop-Agentin ohne Ballermann

Trotz des tristen, nasskalten Dezemberwetters bekommt ein spanisches Pärchen an der Grenze von Prenzlauer Berg zu Friedrichshain plötzlich Heimatgefühle. Beide sind auf Mallorca geboren, weshalb ihnen die fröhlich im Wind flatternden, weißen Fähnchen in der Bötzowstraße sofort auffallen - ganz wie bei Festen daheim auf ihrer Insel!

Kurz darauf stehen die Beiden in der im mediterranen Stil gefliesten "Mallorteca" und staunt: Dort gibt es Spezialitäten, die sie nur von Zuhause kennen - und von denen sie nie vermutet hätten, sie in Deutschland zu bekommen. Über solche Kunden freut sich Franziska Hohmann besonders. Sie bestätigen der 33-Jährigen, dass ihr Plan aufgegangen ist: Ein authentisches Stück Mallorca nach Berlin zu holen.

Gelernte Werbekauffrau

Bis vor eineinhalb Jahren arbeitet die geborene Frankfurterin als TV-Promoterin für Popmusiker. Zunächst bei einer großen Plattenfirma, dann als Selbstständige organisierte sie für Stars wie Bryan Adams, Meat Loaf, Nina Hagen oder Rosenstolz TV-Auftritte - bis zur völligen Erschöpfung. "Die Anforderungen wurden immer härter", erzählt die gelernte Werbekauffrau. "Und nach sieben Jahren in dem Job hatte ich irgendwann einfach keine Lust mehr, vollkommen selbstverständlich nachts um elf angerufen zu werden und dafür nicht einmal eine Entschuldigung zu hören."

Etwas völlig anderes wollte sie machen, und von Beginn an stand fest, dass es etwas mit Mallorca zu tun haben sollte. "Meine Mutter hat seit 18 Jahren ein Haus in Santa Ponsa, im Südwesten der Insel", sagt Franziska Hohmann. "Dadurch war ich schon als Jugendliche oft dort - und liebe Mallorca einfach."

Erst sollte es eine mallorquinische Champagnerbar sein, dann entschied sie sich für ein Delikatessengeschäft. Beim Arbeitsamt beantragte sie einen Existenzgründerzuschuss. Eine befreundete Grafikerin half ihr bei der Gestaltung von Flugzetteln und beim Internetauftritt. Hohmann schuftete mit zwei Freunden zehn Wochen lang, um einem ehemaligen Reisebüro südländisches Flair zu verleihen. "Als wir fertig waren, war mein Rücken im Eimer", sagt sie.

Doch die Mühe hat sich gelohnt: Seit einem Jahr gibt es die Mallorteca jetzt, und über mangelnde Kundschaft kann die Inhaberin nicht klagen. Was wohl nicht nur an der netten Atmosphäre, sondern auch der exquisiten Produktpalette liegt: Neben mehr als 40 überwiegend mallorquinischen Weinsorten stehen allein zehn verschiedene Olivenöle zur Auswahl. Darüber hinaus gibt es jede Menge spannende kulinarische Entdeckungen zu machen: Wie wäre es zum Beispiel mit ein wenig Zitronensenf, einem Löffel Oliven-Marmelade, einem Schuss Granatapfel-Essig, einem Gläschen des mallorquinischen Kräuterschnapses "Hierbas" oder einem Stängelchen Meeresfenchel, der, wie Hohmann sagt, "Gewürzgurke Mallorcas"?

Während man sich gerade von einem Geschmackserlebnis zum nächsten hangelt - Probieren ist ausdrücklich erwünscht - steht überraschend Oliver Pleli mit einem dampfenden Teller im Laden. Der 37-Jährige ist Hohmanns Lebensgefährte und seit ein paar Monaten auch ihr Geschäftspartner. Als sich die Gelegenheit bot, mietete der Gastronom das Ladenlokal nebenan, in dem er das "Pan amb Oli" (zu deutsch "Brot mit Öl"), Berlins erste mallorquinische Tagesbar eröffnete. Was diese zu bieten hat, präsentiert Pleli den Kunden im Laden seiner Freundin eindrucksvoll, indem er jedem ein Stück Coca, die mallorquinische Pizza-Variante anbietet. Der Teig ist dünner als in Italien, der Belag in diesem Fall extravagant: Karamellisierte, mit Sherry abgelöschte Zwiebeln liegen auf fruchtiger Tomatensoße. Ein Genuss.

Pleli kocht mit den Lebensmitteln aus der Mallorteca. Bei denen weiß er ganz genau, wo sie herkommen: Drei bis viermal im Jahr fliegen die beiden für eine knappe Woche auf die Insel, um bei Bauern und Produzenten nach neuen Köstlichkeiten zu suchen. "Seit wir den Laden haben, bestehen unsere Urlaube aus Touren von Markt zu Markt", sagt Oliver Pleli. Die Sorgfalt zahlt sich aus: Franziska Hohmann kennt fast alle ihre Lieferanten persönlich, in den vergangenen Monaten hat sie unzählige landwirtschaftliche Betriebe und viele der rund 60 Weingüter auf Mallorca, die Bodegas, besucht. "Auf diese Weise macht man die besten Entdeckungen", sagt sie. Der eben probierte Granatapfel-Essig etwa stamme von einer winzigen Finca, "mitten im Nirgendwo".

Mehr als Partytourismus

Und natürlich kann sie ihren Kunden nicht nur erzählen, wo die ganzen Leckereien in ihrem Geschäft herkommen, sondern auch noch jede Menge Urlaubstipps geben. "Manche stehen zwei Stunden bei mir im Laden, ich mache für sie den Reiseführer, und am Ende kaufen sie etwas für drei Euro", sagt sie. Denn sie ist über jeden Berliner froh, dem sie die Insel näher bringen kann. "Viele denken bei Mallorca immer noch ausschließlich an Ballermann und Partytourismus", sagt sie. "Dabei hat Mallorca so viel mehr zu bieten."

Manch einer muss nach einem Besuch in der Mallorteca gar nicht mehr in den Flieger steigen: Kürzlich habe sich ein Berliner Ehepaar unter den weißen Fähnchen vor dem Laden fotografiert. "Jetzt können wir jedem erzählen, wir seien auf Mallorca gewesen", hätten sie verkündet. In gewisser Weise stimmt das sogar.

La Mallorteca Bötzowstr. 28, Prenzlauer Berg, Mo.-Fr. 12-20 Uhr, Sbd. 11-19 Uhr, Tel. 41 72 11 38, lamallorteca.com