Ich bin ein Berliner

"Eine ganz saubere Angelegenheit"

Der Tod hat nicht das letzte Wort. Wenn alles vorbei ist, kommt die Zeit von Frank Pluntze. Dann nimmt er sich die leblose Hülle und formt ein Abbild, das für die Ewigkeit bestimmt ist. Als starre Erinnerung an ein tierisches Familienmitglied, als stolzer Beweis von Jagd- und Angelkünsten, als Ausstellungsstück in Museen und Schulen. Der Tod - oder besser: die Begegnung mit dem Tod - hat Pluntze zum Präparator gemacht.

Nach einem Schlaganfall besinnt er sich darauf, was wichtig ist in seinem Leben: seine Familie, seine Freunde, seine Träume. Den Job als Schallschutztechniker kann er nicht mehr ausüben, er überwindet eine halbseitige Lähmung eröffnet im Köpenicker Ortsteil Baumschulenweg seine Werkstatt und macht sein Hobby zum Beruf.

Pluntzes Arbeitsplatz ist ein Kuriositätenkabinett: Links hängt ein ausgewachsener Elch, daneben hocken Füchse, Marder, Eulen. Auf der rechten Seite schaut man einem Hecht ins Maul, und auf einem Seitenbord kämpft sich eine Maus durch einen Gouda. Nichts regt sich, die Tiere verharren in der Pose, die ihr Schöpfer ihnen zugedacht hat. Ein süßer Geruch liegt in der Luft. "Desinfektionsmittel. Hier riecht man nicht den Tod blanko", sagt Pluntze. Im hinteren Teil seines Geschäftes liegt ein Ferkel auf der Werkbank, Dutzende Nadeln stecken in seinem Fell, die Hinterbeine fehlen noch. Aus dem gefüllten Waschbecken ragt ein Hirschgeweih heraus, der Kopf wird gerade desinfiziert. Und aus einer Schale glotzen Glasaugen in allen erdenklichen Farben und Formen. Ein Kuriositätenkabinett? Eher eine Geisterbahn.

Schnell ist man mitten drin in diesem Dickicht aus Vorurteilen und Halbwahrheiten, gegen die sich der Tierpräparator wehren muss. Dass Tiere extra getötet werden, um sich in Pluntzes Werkstatt in Trophäen zu verwandeln: "Was ein Quatsch. Tote Tiere fallen immer an." Dass ein Präparator in Gummistiefeln und Gummischürze durchs Blut watet, wie ein Fleischer, und ständig mit Gedärmen hantiert: "Stimmt nicht. Das ist hier 'ne ganz saubere Angelegenheit." Dass ausschließlich verzweifelte alte Damen vorbeikommen, die den Tod ihres Hundes nicht akzeptieren wollen, und nun von Pluntze ein Wunder verlangen: "Nein, die ganze Bandbreite der Menschheit kommt hier durch die Tür spaziert."

Aber es gibt sie natürlich doch, die Haustierbesitzer, die ihre Lieblinge in die Ewigkeit retten wollen. Für Pluntze die Königsdisziplin. Mimik und Gestik, Muskulatur und Fell anhand von Fotos realistisch nachzubilden, das sei die größte Herausforderung. Schließlich haben Herrchen und Frauchen lange Jahre mit ihren Tieren gelebt und kennen jede Eigenheit, jeden Blick, jede Bewegung. "Da geht's ans Eingemachte", sagt Pluntze. Umso schöner sei es dann, den Besitzer mit einem lebensechten Präparat zu verblüffen - da würden in seiner Werkstatt öfters Tränen der Rührung fließen. Obwohl der Tierpräparator selbst durchaus Zweifel an dieser Form der Trauerbewältigung hat: "Ich weise meine Kunden höflichst darauf hin, dass das Tier die nächsten Jahrzehnte da rumsitzt und mindestens zwei Mal im Jahr abgestaubt werden muss. Man lässt nicht los."

Und dann wären da noch die halbwegs Durchgeknallten, die sonderbar Morbiden, die Liebhaber von Skurrilitäten. Sie kommen zu Pluntze in den Laden und bitten um Souvenirs, die nicht unbedingt jedermanns Sache sind und durchaus als Geschmacksverbrechen zu bezeichnen wären. Zum Beispiel das Präparat einer Hausratte, die auf einem Tellerrand hockt und Sahne von einer Torte schleckt. Pluntze erfüllte den Wunsch, auch wenn er heute sagt: "Machbar ist zwar alles, man kann es aber auch übertreiben." Aber gibt es für den Tierpräparator auch eine Grenze? Pluntze fällt die Arbeit eines Kollegen ein, der einen betrunkenen Waschbär samt Jägermeister-Flasche präpariert hat. Und auf einer Fachmesse habe er einmal ein kopulierendes Igel-Pärchen entdeckt, im Hintergrund der Szene eine Miniatur-Kleiderstange, an der das Stachelkleid der Igel-Dame hing. "Technisch eine tolle Arbeit, aber das musste wirklich nicht sein." Manchmal ist es dann wohl doch besser, dem Tod das letzte Wort zu überlassen.