Zwölf Stunden

Mit viel Herz

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Manuela Blisse

Trotz milder Temperaturen wird es auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz abends richtig festlich. Dafür sorgen die Betreiber der 140 Buden und eine unauffällige Truppe versierter Techniker

08:00: "Keine besonderen Vorkommnisse", erfährt Christian Hecht von Einsatzleiter Thomas Schneider am Handy. Genau das wünscht er sich als Bericht von der Nachtschicht, die um acht Uhr morgens beim "Wachwechsel" die Zuständigkeiten an die Tagesschicht abgibt. "Tagsüber sehen wir auf dem Markt nach dem Rechten, beugen Vandalismus vor und raten auch schon mal den Damen, nicht mit offenen Handtaschen herumzulaufen", sagt er.

09:05: Noch sind die 140 Buden des Weihnachtsmarktes geschlossen. Nur wenige Menschen sind auf dem Alexanderplatz unterwegs. Patrick Szczasny hingegen hat bereits den Motor angelassen. "In einer Stunde öffnet der Markt, dann muss die Eislaufbahn betriebsbereit sein", sagt der 37-jährige Hellersdorfer. Vormittags ist die Bahn Kitas und Schulklassen vorbehalten. Bevor aber kühne Kufenträger auf der 15 mal 30 Meter großen Bahn Pirouetten drehen können, fährt er eine halbe Stunde lang mit seinem grünen Gefährt stoisch im Kreis. Erst wird die Eisfläche von nächtlichem Reif befreit, dann mit 32 Grad warmem Wasser besprüht, das für eine spiegelglatte Oberfläche sorgt. Alle zwei Stunden wiederholt Szczansy seinen Einsatz. Zu Fuß betritt er seinen glatten Arbeitsplatz allerdings nicht. "Ich kann gar nicht Schlittschuh laufen", sagt er.

10:20: Hartmut Lode hatte das letzte Fenster des Glühweinstandes keine Minute zu früh geöffnet. "Schon kurz nach zehn Uhr habe ich den ersten Glühwein ausgeschenkt", sagt er. Den Winzer-Glühwein aus dem rheinland-pfälzischen Wittlich zapft er aus einem 800-Liter-Fass. "Wochentags kommen wir damit gut aus", sagt der 57-Jährige. "Am Wochenende reicht das allerdings nicht, Glühwein ist das Weihnachtsmarkt-Getränk schlechthin."

11:35: Eingehüllt vom Duft aus einer Grünkohlpfanne steht Andreas Schulz auf der Leiter. Ein Strahler an der vorderen Fassade des kulinarischen Markstandes funktioniert nicht. "Da muss das Leuchtmittel ausgetauscht werden", sagt er. Schulz schraubt den Strahler ab und verschwindet im Materiallager. Soviel ist sicher: Bei insgesamt rund tausend Metern Leucht-Girlanden, 6000 Metern Stromkabel, rund 600 Metern beheizten Zu- und Abwasserschläuchen und knapp 60 Stromkisten und Verteilerkästen wird das nicht sein letzter Job sein.

13:15: Adrien Brix hat den Scanner-Blick. "Wann immer ich herumlaufe, entdecke ich unterwegs Abfall", sagt der 30-Jährige, der als "Mädchen für alles" den Müll aufsammelt. "Es ist auch immer wieder Geld dabei", sagt er. Versteckt für die Besucher befindet sich zwischen Buden und dem Brunnen der Völkerfreundschaft der Wirtschaftshof des Weihnachtsmarktes. Dort stehen Kühlcontainer, Mülltonnen, Holzscheite und die stählernen Glühweinfässer. Sein Kollege "Pietsch" ist gerade dabei, Kinderpunsch-Nachschub und einen Biertisch als zusätzliche Ablagefläche zu holen, als David Wulff und Bernhard Böss einen kaputten Stapler hereinbringen. "Wahrscheinlich die Elektrik oder die Batterie", kommentieren sie knapp.

14:45: Erwin Makan ist der Herr der Nüsse. 13 Sorten hat er im Angebot. Seit neun Uhr bereitet er sie kiloweise in einem Kupferkessel zu, lässt ihn abwechselnd rotieren und rührt per Hand mit einem großen Holzlöffel. "Ich verwende wenig Zucker, so sehen sie schöner aus und schmecken besser", sagt der 43-Jährige aus dem brandenburgischen Alt-Landsberg, bevor er ein tiefes "Lecker, lecker, frisch gebrannte Mandeln" über den Markt schallen lässt.

16:05: Manuela Preuß hat Feierabend, verlässt bis morgen früh die Glitzerwelt des Käthe-Wohlfahrt-Shops mit seinen Tausenden von Figürchen. "Eine Woche lang haben wir alles aufgehängt", sagt sie. Für Glasbläser Heiko Schulz, der ein paar Stände weiter seiner Handwerkskunst nachgeht, ist gerade mal Halbzeit. "Ich bin bis zum Schluss um 22 Uhr da", sagt Schulz, während er ein Glasrohr in eine Christbaum-Spitze verwandelt. Wunderschön anzusehen, aber nicht der Verkaufsschlager Nummer eins im Weihnachtsgeschäft: "Am beliebtesten sind kleine gläserne Elefanten und Eulen", sagt er.

17:20: Auch wenn die Straßenbahnen über den Weihnachtsmarkt fahren, und die Bahnhöfe für U- und S-Bahnhof direkt vor der Tür liegen, ist Kerstin Wallbach mit dem Fahrrad gekommen. "Sophie hat das Karussell schon zweimal beim Aufbau gesehen, jetzt wollte sie unbedingt damit fahren", erzählt die in Prenzlauer Berg lebende Mutter, während ihre fünfjährige Tochter auf einem hölzernen Pferd hochkonzentriert ihre Runden dreht. Das zweistöckige Karussell ist, ebenso wie die Erzgebirgspyramide, ein neues Highlight auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz. Es wurde einem historischen Original nachgebaut.

18:45: Pünktlich zur Dämmerung wurde an der neuen Erzgebirgspyramide, auf der sich in zwei Etagen Tier- und Krippenfiguren drehen, die Außenbeleuchtung eingeschaltet. Nun illuminieren 2500 Glühlämpchen und 32 Led-Strahler den 20 Meter hohen Holzbau farbenprächtig. Während es sich in der Gaststube im ersten Stock ein Dutzend Besucher gemütlich gemacht hat, muss Lutz Frankenstein auch am Abend noch einmal über eine schmale Leiter aufs Dach klettern. "Ein paar Lämpchen müssen ausgetauscht werden", sagt der technische Leiter, der am Nachmittag bereits die Motoren der Pyramiden kontrolliert hat. Bei so einem Arbeitsalltag gibt es eine ganz wichtige Anforderung an ihn. Er darf keine Höhenangst haben.

19:00: Unübersehbar in seinem roten Fleece-Pulli eilt Weihnachtsmarkt-Geschäftsführer Uwe Preusche von Stand zu Stand, einen Stapel Zettel unter dem Arm. "Hallo", ruft er Vladimir und Inna Krivickij zu, die Matrioschkas verkaufen. "Das ist unser Infoblatt mit Anlieferungs- und Müllabfuhr-Zeiten sowie den Notrufnummern." Inna Krivickij trägt eine dicke Fellmütze, Vladimir hingegen nicht einmal eine Jacke. "Mir ist nicht kalt, das liegt vielleicht daran, dass ich in Moskau geboren wurde", sagt er und schmunzelt. Den Berlinern sind beim Weihnachtsmarkt-Besuch drei bis vier Plusgrade am liebsten, haben die Betreiber herausgefunden.

20:05: Vom diesjährigen Weihnachtsmarkt hat Koch Heiko Reich noch überhaupt nichts gesehen. Und das, obwohl er schon seit vielen Stunden vor Ort ist. Er gehört zu den rund 450 Mitarbeitern des Gastrozelts "Partyhaus vom Nikolaus". In Gedanken ist er schon beim nächsten Tag. Die am Morgen vorgegarten 60 Gänsekeulen sind fast ausverkauft, der handgeschnittene Kohl ebenfalls. "Zehn Kilo gehen in einem Zelt, das 310 Gäste fasst, schnell weg", sagt er. In zwei Stunden hat er Dienstschluss. Dann sperren auch die Marktstände unter dem Fernsehturm ihre Fenster zu. Und wenn er morgen früh um 8.30 Uhr wiederkommt, sind sie noch geschlossen.