Wecker - Vaterland

Protest-Barden am Kaminfeuer

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Eckhard Fuhr

Sie gehen auf die Siebzig zu. Hannes Wader, Jahrgang 1942, steht kurz davor, Konstantin Wecker ist fünf Jahre jünger. Für den Regisseur und Drehbuchautor Rudi Gaul, geboren 1982, gehören die Protagonisten seines Dokumentarfilms also der Vätergeneration an.

Ein Jungspund nimmt Ikonen des linken politischen Protests der alten Bundesrepublik in den Blick. Gaul muss sich nicht an den 68er-Vätern abarbeiten. Er kann sie interessant finden, sie bewundern und sie sogar mit einer gewissen Zärtlichkeit ins Bild setzen - doch nehmen wir das Wort "Zärtlichkeit" gleich wieder zurück, weil es einem im Zusammenhang mit Wader und Wecker und ihrer "Wut und Zärtlichkeit"-Folklore so leicht herausrutscht.

Von "ihrer" Folklore zu reden, ist im Falle dieser beiden Sänger natürlich reine Bosheit. Sie gehören musikalisch und politisch zwar zum linken Traditionsgut, aber doch unterschiedlichen Welten an. Wader war der Asket, der gedrechselte hölzerne Botschaften mit möglichst geringem musikalischem Aufwand unter die Leute bringen wollte. Wecker war die bajuwarische Rampensau, traktierte einen Flügel und produzierte Schweiß und schwülstige Phrasen. Wader und Wecker könnten gegensätzlicher nicht sein. Trotzdem gehen sie seit einiger Zeit gemeinsam auf Tournee. Wie das funktioniert, das beschreibt Rudi Gauls Film mit feinem Gespür für atmosphärische Nuancen, Situationskomik und auch die Nöte zweier in die Jahre gekommener politisch-musikalischer Zirkuspferde auf der Tour durch die Stadthallen der deutschen Provinz. Schön gruselig ist die Szene, in der die Wecker-Crew kurz vor dem Konzert einen rituellen Kreis bildet, sich die Arme über die Schulter legt und - omm, omm - zum Klangkörper wird. Wader zögert zunächst, dann fasst er Mut und klinkt sich ein. Später im Verlauf der Tournee wird er sichtlich lockerer. Leider zeigt der Film wenig vom Konzertprogramm. Er setzt das Repertoire der beiden als bekannt voraus.

In seinen 90 Minuten muss er ja auch noch eine Menge mehr zeigen als ein psychologisches Kammerspiel, nämlich die Biografien der beiden Politsänger im Kontext der Zeitgeschichte sowie auch den Hafen des Privaten. Das führt zu einem manchmal recht hektischen Wechsel der Schauplätze. Trotzdem bleibt genug Raum, die Irrwege und Lebenskrisen zu reflektieren. Wader trat 1977 in die DKP ein. Einige Jahre zuvor war er, der unwissentlich eine Wohnung an Gudrun Ensslin vermietet hatte, mit dem RAF-Terrorismus in Verbindung gebracht worden, was ihm über Jahre ein faktisches Auftrittsverbot bescherte. Im Asyl der moskautreuen Kommunisten allerdings verlor er noch mehr: seine künstlerische und politische Glaubwürdigkeit. Schlimm seine Auftritte bei SED-Veranstaltungen in der DDR, wo er sich wie eine Trophäe vorführen ließ.

Von Parteien hielt sich Wecker fern. Er pflegte eher ein anarchisch-existenzialistisches Verständnis von Politik. Wecker war immer zuerst ein Mann des Showbusiness und erst in zweiter Linie "Polit-Sänger". Das Publikum ist mit den beiden gealtert aber offensichtlich ebenso unverdrossen wie sie. "Trotz alledem", heißt die Parole. Es ist ja auch nicht ehrenrührig, für eine bessere, menschlichere Welt zu singen und sich ein bisschen an der Wut und an der Zärtlichkeit zu wärmen, die früher ... na ja.

Dokumentation 2011, 90 Min., von Rudi Gaul, mit Hannes Wader, Konstantin Wecker

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