Ich bin ein Berliner: David Wagner, Schriftsteller

Der Geschichtensammler

Das, was er macht, hat mit Demut zu tun. Das sagt er so. Und man glaubt es ihm. Dem Mann, der an diesem Morgen im Café Halifor in der Schwedter Straße sitzt und mit sanfter Stimme erzählt von seiner Geh- und Sehsucht.

Von seinen Wanderungen durch die Hauptstadt. David Wagner, geboren 1971 in Andernach im Rheinland und seit gut 20 Jahren in Berlin, kann nicht aufhören zu staunen über die vielen kleinen und großen Dinge, die er beobachtet und erlebt, wenn er durch die Straßen spaziert, bisweilen zehn bis 20 Kilometer in einem Stück. Durch Mitte. Durch den Prenzlauer Berg. Aber auch durch den Alten Westen, über den Kudamm. Durch Lichtenrade. Und bis zu den Musterhäusern von Mahlsdorf. Er läuft. Oft ohne Ziel. Dann "mäandert" er, wie er sagt. Dann ist er besonders produktiv.

David Wagner wurde mehrfach ausgezeichnet für sein literarisches Werk. 1998 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium, 1999 den Walter-Serner-Preis, 2000 den Dedalus-Preis für Neue Literatur, 2001 den Georg-K.-Glaser-Preis, den Kolik-Literaturpreis, sowie 2005 den Martha-Saalfeld-Förderpreis. Schon 2000, da war er gerade 29 Jahre alt, veröffentlichte er seinen ersten Roman. "Meine nachtblaue Hose" heißt sein Debüt. Darin spielt seine rheinische Heimat eine wichtige Rolle. "Ich stamme aus römisch besetzten Gebieten", sagt er. "Aus der Zivilisation." Er lacht, weil er weiß, dass keine Stadt so zivilisiert ist wie Berlin.

Ein Band mit Kurzgeschichten folgte. Sein Roman "Vier Äpfel" stand 2009 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Und dann sind da die vielen Feuilletons, in denen immer wieder Berlin das Thema ist.

David Wagner spürt die Geschichten auf, die auf den Berliner Straßen liegen und verarbeitet sie literarisch. In diesem Jahr ist seine wunderbare Sammlung an Episoden der besonderen Art erschienen. "Welche Farbe hat Berlin?", heißt das Buch, das die Sensation des Alltäglichen dieser Stadt offenbart. Das zeigt, wie intensiv ein Mensch die Geschichten dieser Stadt wahrnehmen kann. An Bruchstellen, an Menschen, an Gerüchen und Architekturen. Er sieht nicht nur die großen Dinge. Nachts, wenn er allein über die Museumsinsel geht. "Dann ist das ein ästhetischer Rausch", sagt er. Etwas, was glücklich machen kann.

Aber er erlebt den Rausch auch an anderen Stellen, an den unscheinbaren. Er erlebt ihn, wenn er in den vermeintlich hässlichen Randgebieten den Ginster riecht. Die Pappeln. Er erlebt ihn, wenn er an der Kreuzung Schönhauser Allee vor dem Café steht, das in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" die Bierhalle des Franz Biberkopf war. Er erlebt ihn, wenn er bei seinen Spaziergängen Freunde trifft, Menschen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, an verschiedenen Orten. Kein Ort, dem er nicht etwas Besonderes abgewinnen kann. Die Füchse auf der Pfaueninsel faszinieren ihn ebenso wie die Nachtgestalten, denen er als Türsteher in der Flittchenbar begegnet. Und wenn es sein muss, streift er auch mit einer Mülltüte durch die Straßen, die er eigentlich in den Abfalleimer schmeißen wollte und nicht konnte, weil die Frühlingsluft ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.

David Wagner findet nicht alles gut, was er sieht auf seinen Wanderungen. Die großen Einkaufsmeilen zum Beispiel, die mag er nicht. Aber er findet es auch schade, dass die Architektur der 70er-Jahre nach und nach aus dem Stadtbild verschwindet. Sie ist nicht immer schön. Aber sie ist historisch. Ein Zeugnis dieser Metropole, die immer im Fluss ist und nie fertig. Was er mag, das ist die Berlin eigene Toleranz, dieser Alltag, in dem Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensmodellen nebeneinander leben und sich eigentlich in Ruhe lassen. Er findet auch, dass die Berliner viel freundlicher geworden sind in den vergangen Jahren.

Sie ist beneidenswert, die Fähigkeit, Dinge so wahrzunehmen, dass sie Geschichten eröffnen, einen großen Film. Sie macht sicherlich auch verletzlich, diese Fähigkeit. Sie macht aber auch demütig. Und das kann richtig gut sein.