Film: Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod

Mit den Clowns kamen die Tränen

Dies ist der Film, den Pedro Almodovar nie machen wollte. Almodovar ist im Franco-Spanien groß geworden, hat vor allem in seinen frühen Filmen seine Heimat immer wie eine einzige neurotische Freakshow dargestellt, als Spätfolge der Franco-Ära.

Aber über Franco selbst und seine Zeit wollte er nie einen Film drehen: Das habe er nicht verdient. Nun hat es, statt seiner, Alex de la Iglesia getan. Der ist Spaniens neues Enfant terrible, seit Almodovar eher in melodramatische Gefilden entrückt ist. Und seit Iglesia mit seinem drastischen "Perdita Durango" schockierte. "Mad Circus" weiß das noch zu toppen: Das ist kein Film, es ist ein Exorzismus. Eine Überwältigungsfantasie, die in ihrem Bilderbombast und ihrer Rotzfrechheit nur vergleichbar ist mit Tarantinos Hitler-Exekution "Inglourious Basterds". Er habe diesen Film drehen müssen, gesteht de la Iglesia, "um einen Schmerz in meiner Seele zu exorzieren, der einfach nicht gehen will."

Alles beginnt in der letzten Kindheitsnische, im Zirkus, in dem ein paar Clowns verstörte Kinder zum Lachen bringen wollen. Im Madrid 1937, zur Zeit des Bürgerkriegs. Aber da stürmen Republikaner das Zelt, zwingen die Artisten, an ihrer Seite gegen die Militärjunta zu kämpfen. Und so stürmt ein Clown mit Frauenkleidern und Machete gegen die MGs der Faschisten. Was für ein Auftakt, was für eine Metapher. Mit dem Putsch verliert Spanien endgültig seine (kindliche) Unschuld, der wahre Zirkus aber, das sind die Franquisten.

Dann springt der Film, im Jahreszahlendreher, ins Madrid von 1973, der Endzeit Francos. Jetzt steigt auch Javier (Carlos Areces), der Sohn jenes Macheten-Clowns, in die klobigen Fußstapfen seines Vaters. Er gerät an einen absurden Wanderzirkus, wie ihn sich Fellini nicht besser hätte ausdenken können. Dort ist er der "traurige" Clown, und wirklich spricht aus seinen Zügen alle Trauer des unterlegenen, republikanischen Geistes. Der "lustige" Clown (Antonio de la Torre) dort ist aber ein Sadist, der offen bekennt, wenn er kein Clown wäre, wäre er ein Mörder gewesen. Und Javier nickt. In beiden gärt und brodelt es, und es wird nicht lange dauern, bis sie Amok laufen.

Sie werden zu erbitterten Feinden um die Frau des Sadisten, die Trapezkünstlerin (Caroline Bang). Dieses Trio Infernale könnte als Sinnbild für das Spanien jener Zeit stehen: Da die Republik, dort die Diktatur, die die Frau, die Nation für sich gewinnen wollen. Das Gleichnis geht nicht ganz auf, dafür schießt de la Iglesia zu sehr und zu oft übers Ziel. Dafür brennt er ein wahres Sperrfeuer an bildgewaltigen Fantasien ab, bei denen der traurige Clown schon mal zum Hund degradiert wird und Franco persönlich beißt. Und der irrwitzige Showdown entlädt sich am größenwahnsinnigen franquistischen Monumento National de Santa Cruz.

Gegen diese Amok laufenden Clowns wirkt Almodovars Neurosenpersonal geradezu harmlos. De la Iglesia bedient sich wüst und schamlos an Pulp-, Splatter- und Exploitationkino. Kein Wunder, dass Tarantino diesen Film geliebt hat. Auf den Filmfestspielen von Venedig 2010, bei denen er den Jury-Vorsitz hatte, gewann de la Iglesia den Drehbuch- und den Regiepreis.

Politsatire: Spanien 2009, 107 min., von Alex de la Iglesia, mit Carlos Areces, Antonio de la Torre, Carolina Bang

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