Film: Bessere Zeiten

Verdräng deine Kindheit

| Lesedauer: 2 Minuten
Elmar Krekeler

Am Anfang ist alles noch in Ordnung. Da sind wir nicht im "Schweinestall", einer Plattenbausiedlung am Rande von Ystad, sondern in Stockholm. Leena hat Geburtstag. Zwei Kinder hat sie. Johan liebt sie. Ihnen geht's gut.

Man kuschelt herum. Da klingelt das Telefon. Die Vergangenheit ist dran. Ailil, Leenas Mutter, meldet sich. Sie liegt in Ystad im Sterben. Für Leena ist sie seit Jahren gestorben. Leena hat sie verleugnet. Leena legt auf. Das muss man hinnehmen, dass man eine Familie aufbauen kann, um die grausamen Bilder der eigenen Kindheit auszulöschen. Hat man diese Verkapselung als möglich hingenommen, ist alles, was Pernilla August in ihrem Filmdebüt mit Gnadenlosigkeit und Wärme durcherzählt, von gewaltiger Plausibilität.

Als Johan ans Telefon geht, ist Leenas Schutzkapsel geplatzt. Sie fahren durch die Nacht nach Schonen. Die Reise - aber davon ahnt Johan nichts, das spielt sich nur in Leena ab, das sehen nur wir - wird zur Zeitreise, je näher sie Ystad kommen, je deutlicher für Johan und die Kinder das ganze Ausmaß der verdrängten Vorgeschichte wird, desto tiefer bohrt sich Leena innerlich durch ihre Kindheit. In Etappen. Sorgfältig auserzählt in Rückblenden.

Leena verliert die Kontrolle unterwegs. Erst über das Auto, dann über ihr Leben. Je klarer sie sich wird über sich und ihre vermeintliche Schuld, desto rätselhafter wird sie ihren Kindern, ihrem Mann. Denn ihre eigene Kindheit war ein manischer Kreislauf von Liebe und Schlägen, Versöhnung und Verzweiflung.

Dann steht Leena am Bett ihrer fast toten Mutter. Und es gibt keine Versöhnung. Sei alles auch schön gewesen damals, sagt die. Ekel und Hass und Liebe huschen in Wellen übers Gesicht von Noomi Rapace. Ihre Leena ist die bürgerliche, ältere Schwester jener Lisbeth Salander der Stieg-Larsson-Filme, mit denen sie weltberühmt wurde - eine von Gespenstern der Vergangenheit über Messers Schneide gejagte Frau. Später macht Leena sauber im Schweinestall, in Mutters Plattenbauwohnung. Alles in ihr bricht auf. Endlich weint sie. Endlich wird sie getröstet.

Drama: Schweden 2010, 99 Min., von Pernilla August, mit Noomi Rapace, Ola Rapace

+++--