Zwölf Stunden

In gut unterrichteten Kreisen

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Leon Scherfig

Am Anfang war der Lette-Verein ein Ausbildungsort für junge Frauen. 150 Jahre später werden dort Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen einer Berufswelt im Wandel vorbereitet

07:00 Jörg Schütte rückt die Kochmütze zurecht, streicht seine rote Schürze glatt und schlägt den ersten Akkord an. Dann fliegen seine Finger über die Klaviatur des schwarzen Flügels. Der Resonanzboden schickt Beethovens "Für Elise" durch den Raum, dessen Stühle und Tische noch längst nicht besetzt sind. In der Kantine des Lette-Vereins hat sich das Klavierspiel von Jörg Schütte als morgendliches Ritual etabliert. "Es beruhigt, macht die Gedanken frei", sagt der Koch am Klavier. Später geht es deftiger zu: Sieben Kilo Käse müssen zu Käsespätzle verarbeitet, über 150 Desserts zubereitet werden.

07:30 "Th. Steinweg Nachf.": Der Schriftzug steht über der Klaviatur. Auch Wilhelm Adolf Lettes Verein trägt seinen Gründer im Namen. Seit dem Beginn 1866 firmiert er als "Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts". Heute bewerben sich dort jährlich weit über 1000 Schülerinnen und Schüler. An die 400 unterschreiben den Ausbildungsvertrag. Monatlich zahlen sie 35 bis 95 Euro. Lette 2011: Das sind auch moderne Flatscreens, die vor der Mensa und den Gängen Schul-Events ankündigen. Das Ausbildungszentrum macht den Spagat zwischen Tradition und Zeitgemäßem, zwischen Modehandwerkund Facebook. Auch der Klavierhocker ist jetzt unbesetzt, ganz still ist es in der Kantine geworden - bis die ersten der über 1000 Schüler das Schulgebäude betreten und der Unterricht die Räume wieder mit Leben füllt.

08:15 Der Duft von Thymian erfüllt das Labor. Schülerin Stella Hans schüttet noch ein wenig Ethanol in das Gefäß. "Wir stellen heute Hustensaft her", sagt die 23-Jährige, die zur pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA) ausgebildet wird. Das ist eine von zehn Ausbildungen, die die Schüler im Berufsausbildungszentrum am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg durchlaufen können.

09:10 Phillip Finger hat einen Drehtermin. Er steht auf dem großen Balkon, oben im fünften Stock des Schulgebäudes. Er muss sich konzentrieren, denn die Kamera läuft: "Was habt ihr heute gelernt?", fragt Frank Sandmann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Er zoomt mit dem Kamerasucher auf den 22-Jährigen, der als Technischer Assistent für chemische und biologische Laboratorien (CHB) ausgebildet wird. Phillip lehnt sich an das grüne Geländer, dahinter geht es steil hinab in den großen Innenhof des Gebäudes. Um den Hof herum gruppieren sich sechs weitere, kleinere Höfe, die im Grundriss gemeinsam die Form einer Bienenwabe bilden. Jeder Bereich in diesem Bienenstock hat sein Spezialgebiet: Design (etwa Mode, Grafik), Technik (Metallographie, Informatik), Gesundheit (etwa medizinisch-technische Assistenz) und Lebensart (Hauswirtschaftsassistenz). Phillips Video wird später bei Facebook veröffentlicht. Für alle Schüler zugänglich. Das stärkt den Zusammenhalt zwischen den Bienenwaben.

10:15 Bei so vielen Abteilungen ist der Lette-Verein natürlich auch ein gewaltiger Verwaltungsapparat. Dass die interne Kommunikation gelingt, ist auch Aufgabe von Ellen Hamel. Die Postbeauftragte schiebt einen Rollwagen, gefüllt mit Briefen und Dokumenten, über einen der langen Schulflure. In der Poststelle öffnet sie eingehende Briefe, sortiert, verteilt sie im ganzen Gebäude. "Außerdem fallen schätzungsweise rund 100 000 Kopien im Vierteljahr an", sagt Ellen Hamel. Dann muss sie weiter - und lässt die Rollen weiter den Gang hinaufpoltern, zum Verwaltungsflur.

11:20 Nähmaschinen klappern, Bügeleisen dampfen, große Scheren zerteilen bunte Stoffe: In der Modedesign-Klasse herrscht Hochbetrieb. Anna Zimmermann stülpt ihre Kreation über eine der Kleiderpuppen und zupft den Stoff zurecht. Die 21-Jährige ist schon im dritten und damit letzten Ausbildungsjahr. "Von der Skizze zu Schnitt und Fertigung entwickelt jeder sein eigenes Kleid", erklärt die Modedesign-Schülerin. Der spannendste Moment, sagt sie, kommt aber erst wenn das Kleid schon geschneidert ist: "In dem Moment, wenn das Model es zum ersten Mal trägt." Im Verein machen Kleider Leute. Und umgekehrt.

12:00 Die Postbeauftragte Ellen Hamel schiebt ihren Wagen durch die Verwaltungsgänge und liefert schließlich Hauspost bei der Direktion ab. Am Konferenztisch von Direktorin Petra Madyda disktuieren dort gerade Schulleiter Hans-Georg Lichtenberg und die Stellvertreter Norbert Forstmann und Julia von Randow. Ein modernes Porträt von Adolf Lette, das ein Schüler angefertigt hat, soll im Eingangsbereich des Gebäudes aufgehängt werden. An der Wand im Büro hängen fünf Illustrationen, Charaktertypen des typischen Schülers: Zum Beispiel der Rowdy, der Kreative und die brave Fleißige. Alle, sagt Madyda und schmunzelt, finde man gewiss auch in ihrem Haus.

12:35 Einigen gefällt es im Haus so gut, dass sie es gar nicht oder nur kurz verlassen. So wie Gundula Jeschke. "Ich trage schon einen Inventarstempel", sagt Jeschke mit einem Lächeln. Sie arbeitet seit über 30 Jahren im Verein, hat ihre Ausbildung hier gemacht und ist nun "Abteilungsleiterin Metallographie". Jeschke trägt Fönfrisur und einen dunkelblauen Hosenanzug. Mit dem ausziehbaren Metallstab in der Hand erklärt sie ihren Schülern, wie sie Mikroskop und Technik zu benutzen haben. Am Rasterelektronenmikroskop analysieren sie die sogenannte Bruchstruktur von Metallen.

14:20 Sophia liegt auf dem OP-Tisch. Sie ist keinen Monat alt, hat trotzdem bereits volles, lockiges Haar und ist über 1,70 Meter groß. Marco Michna, Sevede Agdace und Lehrerin Gabriele Petrich beugen sich über die Plastikpuppe, an der sie eine Röntgen-Übung durchführen. Die Knochen von Sophia immerhin sind echt: "Sie stammen aus Asien", sagt Petrich. Ein blaues Licht tastet Sophias Körper ab. Dann müssen alle den Raum verlassen. Die Röntgenstrahlen schießen durch den Brustkorb der Übungspuppe.

16:00 Während sich über viele Unterrichtsräume schon wieder Ruhe gelegt hat, besprühen und gießen im kleinen Gewächshaus der Schule Ulrike John und Victoria Kluczynski Rosmarin, Wüstenlilien und Salbei.

20:55 Der Letzte macht das Licht aus - und stellt die Alarmanlage an. Das ist der Job von Hausmeister Thorsten Reich. Er ist auch einer der ewigtreuen Lette-Mitarbeiter und leistete hier schon seinen Zivildienst. Wenn keine Schülerstimme und kein Quietschen auf den Schulfluren mehr zu hören ist, setzt er sich in seinen kleinen Computerraum, der nicht größer ist als eine Besenkammer. Dort aktiviert er die 29 "Scharfschaltbereiche" des Gebäudes, die es über Nacht zur Festung werden lassen. Für einige Stunden kehrt dann vollkommene Stille zurück. Bis am Morgen die Klänge des Lette-Vereins wieder durch Klassenzimmer und Korridore tönen, nachdem ein Klavierakkord den Tag eröffnet hat.